Wie die SAP von morgen geschaffen wird: Interview mit Chief Innovation Officer Max Wessel

SAP gab bekannt, dass Max Wessel mit sofortiger Wirkung zum Chief Innovation Officer ernannt wurde. In seiner neuen Position wird er die Innovationstätigkeit von SAP im gesamten Unternehmen koordinieren und weiter intensivieren. Darüber hinaus ist Wessel für zwei der wichtigsten Innovation Units bei SAP zuständig: SAP Innovation Center Network und das SAP.iO Venture Studio.

Im Interview erklärt er, warum Innovation in großen Unternehmen eine Mammutaufgabe ist und wie SAP kontinuierlich daran arbeitet, Innovationen der nächsten Generation zu entwickeln, um die Zukunft von SAP zu gestalten.

Interview mit SAP Chief Innovation Officer Max Wessel
SAP Chief Innovation Officer Max Wessel spricht über Innovationen im Unternehmen.

Herr Wessel, Sie wurden gerade zum Chief Innovation Officer von SAP ernannt. Was bedeutet dies für Sie und wie interpretieren Sie Ihre neue Rolle?

In beinahe fünf Jahrzehnten hat SAP die Geschäftswelt völlig verändert. Es gab keine Digitalisierung bevor es Anwendungen gab, die Geschäftsprozesse bändigen konnten. Die Aufgabe, Innovation in einem Unternehmen voranzutreiben, das einen derartigen Einfluss hat, könnte nicht spannender sein. Ich fühle mich sehr geehrt und bin begeistert, dass ich die großartige Arbeit meines Vorgängers und Freundes Jürgen Müller fortsetzen darf, der nun Chief Technology Officer und Mitglied des SAP-Vorstands ist.

Unsere Aufgabe ist keine geringere, als die Zukunft der SAP zu gestalten. Dazu bedarf es einer glasklaren Vision der Zukunft, um die Produkte, Services und technischen Funktionen bereitzustellen, die unsere Kunden benötigen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos, wenn wir unsere Kunden in den Mittelpunkt all unserer Innovationsaktivitäten stellen.

Wie sieht diese Vision aus?

Unsere Strategie ist klar: Wir haben uns zum Ziel gesetzt, das intelligente Unternehmen Wirklichkeit werden zu lassen. Es liegt nun an uns, diese Idee weiterzuentwickeln, um die Anforderungen unserer Kunden in den nächsten fünf bis zehn Jahren bestmöglich zu erfüllen. In Zeiten ständig zunehmender Digitalisierung, in denen intelligente, vernetzte Geräten und komplexe Wechselbeziehungen zwischen Rollen, Teams und Unternehmen allgegenwärtig sind, muss sich Software perfekt an die Anforderungen von Nutzern und Unternehmen anpassen. Nach unserer Auffassung ist die Software, die wir verdienen, für jede Situation personalisierbar, nahtlos in der gesamten Softwarelandschaft einsetzbar und wird so ausgeliefert wie wir es wünschen. Geschäftsanwendungen sollten – so wie Anwendungen für die private Nutzung – flexibel und intuitiv genutzt werden können. Es ist unsere Aufgabe, diese Vision für unsere Kunden umzusetzen.

Was macht es so schwierig, Innovationen im Unternehmen umzusetzen?

Etwas Neues zu bauen oder zu entwickeln ist etwas völlig anderes als ein marktreifes Produkt zu verbessern. Erfolgreiche Innovatoren konzentrieren ihre begrenzten Ressourcen darauf, ein gewaltiges Problem für eine kleine Anzahl von Personen zu beheben. Wenn Sie es mit einer reiferen Geschäftsidee zu tun haben, sieht die Sache anders aus. Dann tendieren Sie dazu, an den gesamten Kundenstamm zu denken. Aber innovative Produkte kommen nie mit der perfekten Lösung auf den Markt. Anfangs sind sie relativ dürftig – verglichen mit den Optionen, die es gibt. Aber für eine kleine Gruppe von Kunden haben sie etwas Besonderes. Ein Beispiel dafür ist Airbnb. Bei jemandem auf der Couch zu übernachten war zunächst keine besonders reizvolle Idee. Jahre später war es möglich, über die Plattform einige wirklich phänomenale Unterkünfte zu buchen, die sich mit den besten Resorts messen konnten.

Eine Innovationskultur schaffen

Wenn Sie versuchen, ein Problem für alle zu lösen, werden Sie es sicherlich nicht schaffen, gleich die perfekte Lösung für den gesamten Markt bereitzustellen. Aber alles in einem Unternehmen ist darauf ausgelegt, das große Ganze zu optimieren. Es ist das „Innovations-Dilemma.“ Die Prozesse, die Unternehmen helfen, auf dem Markt erfolgreich zu sein, beeinträchtigen auch ihre Fähigkeit, neue Dinge zu entwickeln. Budgetierungs- und Beförderungsprozesse oder sogar die Aufmerksamkeit der Geschäftsführung führen dazu, dass Unternehmen die kleinen Dinge ignorieren. Aber es sind die kleinen Dinge am Rande, die das Potenzial haben, zu den wichtigen Dingen von morgen zu werden.

Wie geht die Technologiebranche generell an das Thema konzerninterne Innovation heran? 

Eines ist sicher: Es gibt keinen Standard. Apple hat bei der Entwicklung neuer Produkte eine sehr einheitliche Herangehensweise. Bei Google gibt es viele unterschiedliche Bereiche, die Experimente vorantreiben. Beide Unternehmen gelten als die innovativsten unserer Zeit. Für mich ist dies ein Beleg dafür, dass es nicht um die Strukturen und Innovationsprozesse im Unternehmen geht. Es geht darum, einen Mechanismus zu entwickeln, der zur Kultur des jeweiligen Unternehmens passt und es dessen Teams ermöglicht, sich auf die Probleme Ihrer Kunden zu konzentrieren. Dieser Ansatz wird bei jedem Unternehmen anders aussehen und auf kulturellen Normen beruhen, wenn er funktionieren soll.

Eines meiner Lieblingsbeispiele hierfür findet man bei Google. Im Unternehmen gibt es den sogenannten Zahnbürsten-Test. Es ist eine einfache Frage, die jeder kennt. Würde eine Milliarde Menschen das vorgeschlagene Produkt zwei Mal am Tag nutzen – eben analog zu einer Zahnbürste? Dadurch wird ein kulturelles Bewusstsein für Probleme geschaffen, die es sich zu lösen lohnt. Für die Mitarbeiter von Google ist dies einfach zu verstehen und entspricht ihren Werten.

Was wäre für SAP der Zahnbürsten-Test?

Bei SAP ist dies vielleicht nicht ganz so knackig wie bei Google. In meinem derzeitigen Bereich gibt es zwei Abteilungen, die zusammenarbeiten, um die Grenzen dessen auszuloten, was möglich ist und wozu SAP bereit ist.

Wir haben entschieden, dass die technologischen Innovationen, die wir am Horizont erkunden, in all unseren Produkten Wirkung entfalten können müssen. Das bedeutet, dass unsere Teams im SAP Innovation Center Network nicht nur schwierige Probleme angehen müssen, sondern auch an Technologien arbeiten, die für jeden Entwickler, jeden Partner in unserem Ökosystem und jeden Product Owner bei SAP von Interesse sein könnten. Wir können keine Pionierarbeit für Technologien leisten, die nur eine Branche oder einen Geschäftsbereich betreffen.

Wenn es um Chancen geht, neue Produkte in neuen Märkten zu entwickeln, hat das SAP.iO Venture Studio einen zweiten Zahnbürsten-Test in seinem Prozess: SAP Scale. Der kleinste potenzielle Kunde bei SAP kann ohne weiteres die Größe einer Aktiengesellschaft haben. Wir sollten nur dann in die Entwicklung völlig neuer Anwendungen oder Services investieren, wenn wir davon überzeugt sind, dass die Neuerungen in einem börsennotierten Unternehmen eingesetzt werden könnten, sofern das Team erfolgreich ist.

Können Sie uns ein Beispiel für ein Produkt nennen, das gerade diese Phasen durchläuft?

Wir arbeiten an einem Produkt namens „Spotlight“, das in diesem Jahr vom SAP Innovation Center Network ins SAP.iO Venture Studio migriert wurde. Das Team geht der Frage nach, wie wir maschinelles Lernen bei SAP-Systemprotokollen einsetzen können, um die organisationale Umgebung eines Unternehmens zu verbessern. Das technische Problem dahinter ist äußerst komplex: Wie können SAP-Systemprotokolle gescannt und anschließend wieder auf SAP-Prozesse angewendet werden, um sie zu optimieren? Außerdem müssen wir ermitteln, ob diese Art der Prozessänderung in einer SAP-Kundenumgebung umgesetzt werden kann, um bessere Geschäftsergebnisse zu erzielen. Wenn es uns gelingt, die Herausforderungen der Technologie zu lösen, können wir zuversichtlich sein, dass sie in allen Bereichen eingesetzt werden kann.

Nachdem klar war, dass wir das System-Mapping umsetzen können, hatte das Team eine zündende Idee. Die operative Überwachung sollte so automatisiert werden, dass ein COO problemlos erkennen kann, wo Prozessverbesserungen nötig sind – so wie ein IT-Team den Ausfall eines Systems erkennen kann. Für SAP ist dies eine großartige Gelegenheit und das Produkt verdient eine eigenständige Vermarktung. Das Team bewarb sich bei SAP.iO Venture Studio, nachdem es bewiesen hatte, dass es die technischen Herausforderungen meistern kann. Die Kollegen arbeiten nun mit einem kleinen Team in Berlin, um diese Vision für unsere Kunden umzusetzen.

Co-Innovation mit Kunden

Wie geht SAP bei gemeinsamen Innovationen mit Kunden vor? 

SAP ist das Unternehmen, das mit dem Lösen vieler besonders komplexer betriebswirtschaftlicher Probleme betraut ist. Aus diesem Grund müssen wir eng mit unseren Kunden und Endanwendern zusammenarbeiten. Wir können nicht – so wie Facebook – einfach Änderungen in Produktivsystemen vornehmen und dann abwarten wie die Anwender darauf reagieren. Bei uns steht dabei zu viel auf dem Spiel. Wir müssen mit unseren Kunden zusammenarbeiten und Abhängigkeiten nicht nur gedanklich durchspielen, wenn wir Änderungen implementieren. Die gute Nachricht ist, dass SAP schon vor langer Zeit herausgefunden hat, wie man dies bewerkstelligt.

Die innovativsten Teams bei SAP gehen bei der Auswahl der Kunden, mit denen sie zusammenarbeiten, äußerst selektiv vor. Wir arbeiten gerne mit Early Adoptern zusammen, die bereit sind, mit uns zu experimentieren. Je besser die Abstimmung zwischen unseren Teams und Kunden ist, umso mehr wird der Prozess beschleunigt.

Beobachten Sie in der betrieblichen Forschung und Entwicklung einen Trend hin zu mehr Offenheit und Flexibilität? Wenn ja, welche Indikatoren gibt es?

Ja, zu 100 Prozent. Mitte des letzten Jahrhunderts ähnelte die betriebliche Forschung und Entwicklung der Forschung an Universitäten. Heute sehen wir zwei große Veränderungen: Zum Ersten sind die Kosten für das Experimentieren – besonders im Bereich der Digitaltechnik – stark gesunken. Zum Zweiten gibt es mehr Kapital als je zuvor, das nun auch kleinen Unternehmen zugänglich gemacht wird. Dank dieser Veränderungen ist es für kluge Köpfe außerhalb großer Unternehmen leichter, innovative Produkte zu entwickeln. Wer kollektive Intelligenz nutzen möchte, muss aufgeschlossen sein Nur wer sich öffnet, wird die Chancen, die sich bieten, auch nutzen können.

Max Wessel über sich selbst und seine Verantwortung für den Bereich New Ventures and Technologies:

„Ich habe das Glück, seit meinem 17. Lebensjahr stets im selben Bereich gearbeitet zu haben. Damals gründete ich mein erstes Internetunternehmen, das übrigens floppte. Seitdem war ich bei drei großen Firmen in der Entwicklung neuer Produkte tätig, war von Anfang an oder als Gründer bei drei wagniskapitalfinanzierten Technologieunternehmen dabei und habe als Risikokapitalgeber investiert. Meine gesamte Karriere hat sich immer um ein einziges Thema gedreht: Wie können Teams erfolgreich neue Produkte entwickeln und einführen? Und so kann ich bei SAP im Bereich Technologieinnovation und Produktneuentwicklung all diese Kenntnisse einbringen. In unserem Unternehmen verbringen Innovatoren ganze Tage damit, sich mit exakt derselben Frage auseinanderzusetzen, die auch mich beschäftigt.

Es ist unsere Aufgabe, brillante Ideen bei SAP zu erkennen und ein Umfeld zu schaffen, in denen die Teams diese Ideen umsetzen und weiterentwickeln können.