Leben und Arbeiten mit Long COVID

Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion können Betroffene im Alltag und bei der Arbeit beeinträchtigen – Hintergründe von Dr. Torsten Paul.

Die meisten Menschen, die von einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen sind, werden wieder vollständig gesund. 10-20 Prozent der offiziell Genesenen leiden jedoch unter einem Long-COVID-Syndrom, so eine Schätzung der Weltgesundheitsorganisation. Der Begriff umfasst alle Symptome und gesundheitlichen Beschwerden, die mehr als vier Wochen nach Beginn der Infektion fortbestehen oder neu auftreten. Menschen, die an Long COVID leiden, sind nicht mehr ansteckend.

Zu den häufigsten Langzeitfolgen, die einzeln oder in Kombination auftreten können, gehören Müdigkeit, Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit (Fatigue), Kurzatmigkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme („brain fog“), Schlafstörungen, Muskelschwäche und -schmerzen, psychische Probleme (wie beispielsweise depressive Symptome und Ängstlichkeit) sowie Riech- und Geschmacksstörungen. Die Symptome beeinträchtigen die Lebensqualität und können die Funktionsfähigkeit im Alltag mindern. Somit können sie auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsalltag haben.

Sich gut um sich selbst zu kümmern und Hilfsangebote frühzeitig wahrzunehmen, ist gerade auch bei längerdauernden Erkrankungen von großer Bedeutung. Daher möchte das Global Health, Safety & Well-being Team Mitarbeitende über mögliche Nachwirkungen einer COVID-Infektion aufklären und Handlungsempfehlungen geben. Betriebsarzt Dr. Torsten Paul beantwortet SAP News die wichtigsten Fragen:

Wir lesen und hören in den Medien viel über Long COVID und Post COVID. Können Sie uns die beiden Begriffe kurz erklären?

Zunächst einmal: Es gibt auch bei anderen Viruserkrankungen langanhaltende Beschwerden, das ist nichts Neues. Im Zusammenhang mit einer SARS-CoV2-Infektion haben beide genannten Begriffe ihre Berechtigung. Wenn die Beschwerden nach vier Wochen ab Infektion fortbestehen oder neu auftreten, spricht man von Long COVID. Wenn sie länger als zwölf Wochen bestehen und nicht anderweitig erklärt werden können, dann nennt man es Post-COVID-Syndrom.

Wie kann ich mich vor Long COVID schützen? Können auch Geimpfte betroffen sein?

Die beste Möglichkeit sich zu schützen ist, eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu vermeiden. Ein vollständiger Impfschutz und die bekannten Infektionsschutzmaßnahmen helfen dabei. Kommt es dennoch zu einer Infektion, sind vollständig Geimpfte nicht nur vor schweren Krankheitsverläufen, sondern auch vor Langzeitfolgen einer COVID-19-Infektion deutlich besser geschützt als Nichtgeimpfte. Das zeigen verschiedene große internationale Studien, auch wenn insgesamt bezüglich Vorbeugung von Post COVID/Long COVID noch zu wenig bekannt ist. Leider können auch vollständig Geimpfte an Post-COVID erkranken. Bei der SAP wurden weltweit bisher mehr als 30.000 Impfdosen an Mitarbeitende verabreicht und damit ein wichtiger Beitrag zur Vorbeugung von Spätfolgen einer COVID-Infektion geleistet.

Sind nur Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf von Long COVID betroffen?

Längerdauernde Beschwerden können weitestgehend unabhängig vom Schweregrad der ursprünglichen COVID-19-Erkrankung auftreten. Leider bedeutet dies, dass auch Menschen mit asymptomatischen oder leichten Infektionen ein gewisses Risiko für gesundheitliche Langzeitfolgen haben – das aber geringer ist als zum Beispiel bei Menschen, die auf der Intensivstation behandelt wurden. Frauen scheinen auf Basis aktueller Studiendaten insgesamt häufiger an Long COVID zu erkranken als Männer. Eine eindeutige Erklärung, warum dies so ist, gibt es allerdings noch nicht.

Viele dieser Symptome können auch andere Ursachen haben, was die genaue Diagnose schwer macht. Ist Long COVID als Krankheit bei Ärzten, Krankenkassen und Behörden mittlerweile anerkannt?

Bei länger anhaltenden Beschwerden, die nach einer SARS-CoV2-Infektion auftreten und für die es keine andere Erklärung gibt, sollten Ärzte immer auch an ein Post-COVID-/Long-COVID-Syndrom denken. Glücklicherweise nehmen das Bewusstsein und das Wissen über dieses Krankheitsbild zu; in vielen Ländern gibt es mittlerweile offizielle Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung des Syndroms.

Was können Arbeitnehmer tun, die ein Long-COVID-Syndrom vermuten?

Die Anlaufstelle für Patienten sind in den meisten Ländern zunächst die Hausärzte. Betriebsärzte können eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen, indem sie dabei helfen, Hinweise auf ein bisher nicht diagnostiziertes Post-COVID-Syndrom frühzeitig zu erkennen und damit die Brücke zu erweiterter Diagnostik und Behandlung zu bauen.

Wie sieht die Behandlung aus?

Eine ursächliche Therapie von Long- oder Post-COVID gibt es leider noch nicht. Die Behandlung erfolgt derzeit symptomorientiert mit einem Fokus auf Rehabilitation. Gemeinsam mit niedergelassenen Fachärzten soll nach den Leitlinien eine interdisziplinäre, ambulante Versorgung teilweise auch über haus- und fachärztliche Schwerpunktpraxen gewährleistet werden.

Da oft mehrere Organsysteme betroffen sind, werden häufig verschiedene Fachdisziplinen in die Behandlung eingebunden, vor allem die Allgemeinmedizin, Lungenheilkunde, Neurologie, Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie sowie bei Kindern die Pädiatrie. Weltweit gibt es in vielen Ländern z.B. an Universitätskliniken bereits Long-COVID-Spezialambulanzen, die sich um die Patienten mit komplexen Verläufen kümmern.

Ist Long COVID ein Thema, das SAPs Health Management beschäftigt?

Das Syndrom ist ein relevantes gesundheitliches Thema und damit natürlich auch für die Gesundheit und das Wohlbefinden der SAP-Mitarbeitenden wichtig. Wir beschäftigen uns daher schon längere Zeit mit dem Thema. Um Betroffenen bei der SAP bestmöglich zu unterstützen, haben wir verschiedene Informations-, Beratungs- und Hilfsangebote etabliert.

Was bietet SAP Health betroffenen Kollegen an? Was ist in Planung?

Wir bieten Betroffenen bereits jetzt eine umfassende ärztliche Beratung im Rahmen unseres allgemeinen arbeitsmedizinischen Angebots und der Vorsorge im Sinne einer Lotsenfunktion an. Dieses Angebot ersetzt jedoch nicht die spezialisierte Diagnostik und Behandlung außerhalb von SAP, sondern ist darauf ausgelegt, diese zu unterstützen.

Darüber hinaus haben wir eine Post-COVID-Spezialsprechstunde etabliert. In dieser haben die Betroffenen die Möglichkeit, ihren Fall mit unseren ärztlichen Experten zu besprechen und Empfehlungen zur weiteren Diagnostik, Behandlung und den Möglichkeiten der Unterstützung am Arbeitsplatz zu erhalten.

Nach längerer Erkrankung bieten wir Betroffenen im Rahmen der beruflichen Wiedereingliederung Unterstützung im Hinblick auf einen leidensgerechten Arbeitsplatz an. Zudem wird im Oktober eine Informations- und Q&A-Veranstaltung stattfinden mit einem internationalen Long-COVID-Experten, bei dem SAP-Mitarbeitende teilnehmen können.