Eine Blockchain-Expertin aus Albanien in Berlin

Artiona Bogo stammt aus Albanien und begann ihren beruflichen Werdegang als Softwareentwicklerin. Als sie vor zwei Jahren ihre Tätigkeit im SAP Innovation Center Network aufnahm, hatte gerade eine neue Technologie in der Unternehmenswelt Einzug gehalten: Blockchain.

Als Geschäftsfeldentwicklerin für Blockchain konzentriert sich Artiona auf die strategische Zusammenarbeit mit Kunden. Außerdem hat sie eine Rolle als Sprecherin für dezentrale Technologien innerhalb des SAP-Partnernetzes übernommen.

Artiona Bogo, Blockchain-Expertin bei SAP
Artiona Bogo, Blockchain-Expertin bei SAP. 

 „Ich sollte eigentlich in die Fußstapfen meines Vaters treten und Ärztin werden“, erzählt Artiona. „In Albanien ist es nicht unüblich, dass Kinder die gleichen Berufe ausüben wie ihre Eltern. Als ich die Schule abschloss, war für mich jedoch klar, dass das Thema Technologie die Zukunft bestimmen würde. Deshalb entschied ich mich, Informatik zu studieren.“

Nach ihrem ersten Studienabschluss an der Polytechnischen Universität Tirana führte sie ein Stipendium der Europäischen Kommission nach Deutschland und Italien, wo sie den Masterstudiengangs Software Engineering absolvierte. „Die Entwicklung Albaniens zu einer Demokratie war in den letzten 20 Jahren äußerst steinig. Die Auslandserfahrung eröffnete mir in vielerlei Hinsicht neue Horizonte. Ich merkte aber auch, dass ich meinem Heimatland eine gute Ausgangsposition zu verdanken hatte“, fügt sie hinzu. „Unser Schulsystem ist hervorragend. Albanische Studenten schneiden an Universitäten im Ausland oft sehr gut ab. In unserer Heimat gibt es jedoch kaum Möglichkeiten für Forschungsarbeit, insbesondere für branchenspezifische Forschung.“

Aufgrund fehlender Karrierechancen in Albanien entschloss sich Artiona, ins Ausland zu gehen. Sie weist allerdings darauf hin, dass Frauen in Albanien viel häufiger Berufe im Bereich Technologie ergreifen als in Deutschland oder anderen westlichen Ländern – und zwar aus ganz pragmatischen Gründen: „Sie haben das Gefühl, dass ihnen die Geisteswissenschaften keine Zukunftschancen bieten. Im Ausland wird oft gestaunt, dass so viele albanische Frauen in die Technologiebranche gehen. In meinen Workshops liegt das Verhältnis von Männern und Frauen normalerweise bei 50:50. Darauf bin ich sehr stolz.“

Es liegt ihr viel daran, mehr Frauen zu einer Karriere im Technologiesektor zu motivieren. „Ich begrüße alle Initiativen in diese Richtung. Wir würden eine große Chance verpassen, wenn wir es nicht schaffen, Frauen für technologische Berufe zu begeistern und wenn dies für zukünftige Generationen nicht zur Norm oder zum Status quo wird. Es wird sich später auszahlen, wenn wir das heute bei der schulischen Ausbildung von Mädchen berücksichtigen und sie dazu motivieren, dem Thema Technologie mit Neugier zu begegnen. Meiner Meinung nach sind wir auf dem richtigen Weg, wenn wir einen Technologiebeirat haben, der nur aus Frauen besteht – und das für niemanden ungewöhnlich ist“, erklärt sie mit einem Lächeln.

Lösungen für eine dezentrale Welt entwickeln

 Bei Hewlett-Packard war Artiona als Softwareentwicklerin und später als Program Manager für Kennzahlen rund um den Kundenerfolg tätig. Während dieser Zeit absolvierte sie einen weiteren Studiengang im Bereich Management. „Mir war bewusst, dass ich auch in der Kundengeschäftsentwicklung Erfahrung benötigen würde“, betont sie. „Es war Zeit für einen Karrierewechsel und das Timing stellte sich als perfekt heraus.“ Einige Wochen nachdem Artiona ihre neue Stelle im SAP Innovation Center Network angetreten hatte, gewann Blockchain als strategisches Thema im gesamten Unternehmen an Bedeutung. „Es wurde entschieden, dass Potsdam, wo ich zu dem Zeitpunkt arbeitete, einen Teil des Blockchain-Teams stellen sollte – und dass ich daran beteiligt sein sollte.“ Und so fügte sich eins zum anderen.

Podiumsdiskussion beim SAP Enterprise Blockchain Summit 2019 in Berlin
Artiona Bogo (rechts) beim SAP Enterprise Blockchain Summit 2018 in Berlin. 

„Man kann Blockchain aus zwei Perspektiven betrachten“, erläutert Artiona. „Welche Vorteile bietet es dem Einzelnen und wie profitieren Unternehmen davon? In beiden Fällen stellt Blockchain einen Paradigmenwechsel dar. Für den Einzelnen bedeutet es, dass die Kontrolle wieder bei uns liegt. Wenn große Internetunternehmen mein Handeln verfolgen, bin ich für sie quasi ein Produkt, denn sie können meine Daten nutzen. Warum sollte ich nicht für meine Aktivitäten im Internet und die Spuren, die ich hinterlasse, belohnt werden? Mit Blockchain ist das möglich.“

Unternehmen wiederum möchten Effizienz steigern, Prozesse optimieren und neue Betriebs- und Geschäftsmodelle erschließen. „Unsere Kunden erwarten, dass wir ihnen Inspiration geben und ihnen auf ihrem Weg helfen“, erklärt Artiona. „Sie vertrauen darauf, dass sie sich dank der Erfahrung von SAP in neuen Märkten behaupten oder Problempunkte eliminieren können, ohne dass sie sich von ihren bestehenden Systemlandschaften verabschieden müssen. Mithilfe zusätzlicher Ebenen wie Services auf Grundlage von Blockchain können sie ihre gewohnte Infrastruktur erweitern, sodass sie mit anderen dezentral interagieren können. Niemand besitzt oder kontrolliert die Daten.“

Was Artiona am meisten an ihrer Arbeit als Geschäftsfeldentwicklerin für Blockchain gefällt, ist der regelmäßige Kundenkontakt – egal ob im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos oder bei Treffen in ihrem Wohnort Berlin. „Es kommt vor, dass ich heute mit Mitarbeitern der Deutschen Bank spreche, morgen mit BMW und am Tag danach mit der Charité.“

Obwohl Artiona viele Jahre als Entwicklerin tätig war, wechselte sie in eine geschäftsstrategische Rolle, da sie so mehr Möglichkeiten sah, aus strategischer Sicht mit Einfluss zu nehmen. „Die Arbeit der Entwickler ist und bleibt natürlich das Herzstück dessen, was ein Unternehmen leisten kann. Als Geschäftsfeldentwickler sieht man jedoch aus der Perspektive des Unternehmens, wie man als einzelne Person großen Kunden dabei helfen kann, Innovationen in ihren jeweiligen Branchen umzusetzen. Man kann Dinge bewegen und bewirken und den wirtschaftlichen Nutzen von Technologien wie Blockchain für Kunden belegen.“

Artiona Bogo, vor dem Gebäude des SAP Enterprise Blockchain Summit in Berlin. 2018.
Artiana Bogo: “Im SAP Innovation Center Network kann man Dinge bewegen und den wirtschaftlichen Nutzen von Technologien wie Blockchain für Kunden belegen.“

Der Hype rund um das Thema Blockchain war 2017 und 2018 besonders groß. Aus diesem Grund mussten Blockchain-Experten bei SAP einiges an Erwartungsmanagement betreiben. „Heute hat sich der Hype um Blockchain bei Analysten wie Gartner etwas gelegt und viele Kunden haben verstanden, in welchen Fällen Blockchain Sinn macht und Vorteile bringt“, bekräftigt Artiona. Ihre Faszination mit der Technologie bleibt jedoch ungebrochen, besonders jetzt, wo visionäre Ideen in der Praxis Anwendung finden.

Das Blockchain-Partnernetz betreuen

Im Rahmen des Accelerator-Programms SAP.iO Foundry, Powered by Techstars Accelerator in Berlin übernahm Artiona die Aufgabe als Mentorin für einige ausgewählte Start-up-Unternehmen. Diese haben nun die Möglichkeit, ihre Geschäftsmodelle mit Unterstützung durch SAP-Experten zu optimieren. „Mentoring kann ungeahnte neue Geschäftschancen eröffnen. Ich arbeite mit Gründern zusammen, die sich voll und ganz ihrer Vision verschrieben haben. Das Mentoring bietet Gelegenheit für konzentrierte Sitzungen, für die im täglichen Geschäft oft keine Zeit bleibt. Es ist gut für das Gehirn, Dinge aus neuen und unbekannten Perspektiven zu betrachten. Wir können viel voneinander lernen und beide Seiten können – wie ich hoffe –  von den Erfahrungen des anderen profitieren.“

Das Leben in Berlin bietet Artiona viele Möglichkeiten, sich mit Kontakten aus dem Partnernetz auszutauschen. „Ich mag das Lebensgefühl in Berlin“, betont sie. „Die Art, wie die Menschen hier miteinander umgehen, ist ganz anders als in den anderen Städten, in denen ich gelebt habe. Hier treffe ich viele Gleichgesinnte und erlebe Offenheit und den Willen, gemeinsam etwas anzupacken. Besonders stolz bin ich darauf, dass ich eine regelmäßige Reihe von Hyperledger-Treffen hier in Berlin organisiere.“

Wie viele andere hochqualifizierte Albaner musste Artiona aufgrund fehlender Karrieremöglichkeiten ins Ausland ziehen. Sie weiß, dass die Abwanderung von Fachkräften ein ernstes Problem für Albanien ist. „Ich möchte die Verbindung zu meinem Heimatland aufrechterhalten. Ich habe mit mir selbst eine Abmachung getroffen: Wenn ich auf Urlaub in Albanien bin, gebe ich etwas zurück, indem ich Workshops anbiete und so mein Wissen zum Thema Technologie weitergebe. In Ländern wie Albanien können Technologien wie Blockchain viel zur sozialen Innovation beitragen.


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