ERP-Migration bei Plasser & Theurer: Vom Maschinenbauer zum Systemhaus

Zur Gleisbaumaschine gibt es intelligente Wartungs-Lösungen gleich dazu: Das österreichische Unternehmen Plasser & Theurer entwickelt sich vom Maschinenbauer zum Systemhaus. COO Daniel Siedl stellt nun die Weichen auf Prozessoptimierung und verantwortet die ERP-Migration auf SAP S/4HANA.

Maschinenbau ist der Ursprung von Plasser & Theurer. 1953 startete das Unternehmen mit neun Mann: diese entwickelten die erste hydraulische Gleisstopfmaschine der Welt. Ein Meilenstein in der Mechanisierung des Baus von Eisenbahngleisen. Rund 60 Jahre später ist der Betrieb in seinem Segment Weltmarktführer, zählt weltweit circa 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und liefert an Kunden in mehr als hundert Ländern. Dabei geht es nicht mehr nur um tonnenschwere Maschinen: Plasser & Theurer hat einige SmartMaintenance-Initiativen am Start. Intelligente Assistenz-Systeme unterstützen die Kunden, ein SmartCatalog und Machine Maintenance Guides runden ein Portfolio ab, das sich immer stärker digitalisiert.

Das ist der Kurs von Johannes Max-Theurer. Der Enkel des Firmengründers hat vor acht Jahren übernommen. Jüngstes Zeichen der Transformation ist die Ausweitung der Geschäftsführung um Daniel Siedl als Chief Operation Officer (COO) und Winfried Büdenbender als Chief Technology Officer (CTO). Siedl ist seit elf Jahren in der Unternehmensgruppe. Der CEO holte ihn nach Linz, um einen neuen Meilenstein zu erreichen: die Ablösung einer Eigenentwicklung durch ein neues ERP-System. Im April 2019 ging Plasser & Theurer in einem Unternehmensbereich mit SAP S/4HANA live.

Erst die Prozesse, dann das ERP-System

Doch das war keine Selbstverständlichkeit. „Unser CEO hat sich die Prozesse angesehen“, berichtet Siedl. Salopp ausgedrückt: es lief nicht alles wie geschmiert. Siedls Aufgabe war es, die Weichen neu zu stellen. Sein Ziel: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Fokus zu rücken. „Ihr Wissen und ihre Erfahrung sind unsere Assets“, sagt der COO.

Nach Methoden des Design Thinking beobachtete ein Projekt-Team erst die Unternehmensprozesse, um zu verstehen, dann Lösungen zu entwickeln und schließlich den Change umzusetzen. Das Unternehmen entschied sich dafür, das Kerngeschäft, die Auftragsabwicklung, unter die Lupe zu nehmen. Nach Abschluss der Beobachtungsphase von 45 Abteilungen erkannte man das größte Potenzial in der Optimierung der abteilungsübergreifenden Zusammenarbeit.

Also wurde das PT Lab gegründet, als Lernfabrik und zur direkten Kommunikation. Ziel: einen minimal funktionsfähigen Prototypen des neuen Auftragsabwicklungsprozesses zu entwickeln. Rund 75 Kolleginnen und Kollegen ließen in der Lernfabrik die Köpfe rauchen. „Bei solchen Teams muss man darauf achten, dass die Mitglieder möglichst unterschiedliche Hintergründe haben“, sagt Siedl. Die Wahl der externen Berater wie auch der Software-Lösung fiel in einem „Beauty-Contest“: die itelligence-scc Austria GmbH, konnte fünf knifflige Testaufgaben – die auch real im Firmenalltag auftreten – am besten lösen. Bei der Software verfuhr man pragmatisch und nutzte die Best-Practice-Erfahrungen von Partnern und Zulieferern. Das Unternehmen implementierte SAP S/4HANA als On Premise-Lösung.

Große Herausforderungen bei ERP-Migration für die IT-Abteilung

Das Ganze war für die IT-Abteilung nicht einfach, erklärt Siedl offen. Der IT-Leiter und seine zwölf Programmierer hatten die bisher genutzte ERP-Lösung selbst entwickelt. Insgesamt umfasst der IT-Stab 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dass die Veränderung zunächst auch auf Skepsis stieß, kann Siedl nachvollziehen.

Im Juni 2018 fand der erste Workshop statt, im April 2019 folgte ein Go-live. „Im Rückblick hätte ich gern mehr Zeit gehabt“, so Siedls Fazit. Mittlerweile arbeiten rund 300 Kolleginnen und Kollegen mit der neuen Anwendung. Vorbereitet wurden sie vor allem dadurch, dass das Unternehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Anfang an in den Change einbezogen hat. Ganz bewusst hat er das Projekt-Team möglichst nah an der Produktion platziert. Das ging auf: die externen Berater hätten die Veränderung „in für uns unverständliche SAP-Sprache übersetzt“, wie einer der Kollegen bestätigt. Zusätzlich nutzte die Belegschaft das Lern-Werkzeug SAP Enable Now.

Digitale ERP-Transformation auf SAP S/4HANA geglückt

Dass die Transformation glückt, weiß der COO. Gerne zitiert er Peter F. Druckers geflügeltes Wort: „Culture eats strategy for breakfast.“ Die Hierarchien bei Plasser & Theurer sind flach. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben. Obwohl Siedl Plasser & Theurer heute durchaus als Systemhaus bezeichnet, geht es neben Kultur und Kommunikation, neben Bits und Bytes auch immer noch um Schotter und Stahl. Der Familienbetrieb ist immer noch ein klassischer Maschinenhersteller. Aber einer mit dem Motto: „Wir wollen die besten Maschinen am besten bauen!“