Vom Feld bis auf den Tisch: Blockchain in der Lieferkette von Lebensmitteln

Landwirt Edmundo Moller ist Heidelbeerproduzent in vierter Generation. Seine Farm befindet sich in der Nähe von Santiago de Chile. Voller Stolz sprudelt der Slogan seines Vaters aus ihm heraus: „Von der Saat bis zur Ernte – Wir versorgen die Welt mit Heidelbeeren!“ Und für mehr Transparenz in der Lieferkette und damit Nachhaltigkeit sorgt die Blockchain.

Die Beeren, die er heute geerntet hat, wurden gerade verschifft und sind vielleicht auf dem Weg zu Ihrem örtlichen Lebensmittelhändler oder einer Lagerverkaufshalle in Ihrer Nähe. Und ob dies der Fall ist, werden Sie schon bald wissen. Denn der US-amerikanische Fruchthändler Naturipe hat eine technische Innovation eingeführt.

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Vor Kurzem besuchte ich Mollers Heidelbeerfarm in Chile und als ich inmitten der Sträucher voller saftiger Früchte stand, war die Versuchung groß und ich musste mich zügeln. Als Moller mich dann einlud, ein paar dieser köstlichen Beeren direkt vom Strauch zu pflücken und zu probieren, war ich selig.

Mehr Transparenz in der Lieferkette mit Blockchain

Die Beerenpflücker auf Mollers Feldern versehen jede Beerenkiste, die sie füllen, mit einem QR-Code-Aufkleber. Noch auf dem Feld werden ihre Kisten gewogen und gescannt. Anschließend werden sie ins Kühlhaus gebracht. Dann geht es weiter: Verladung auf ein Schiff, Zollabfertigung und schließlich kommen die Kisten in einem riesigen Tiefkühl-Verteilzentrum an. Dort werden die Heidelbeeren speziell für die internationalen Kunden von Naturipe verpackt. Während der ganzen Reise bis zum Lebensmittelladen bleibt der QR-Code bleibt auf den Verpackungen der Beeren.

Und nun kommt der Kunde ins Spiel, der im Laden die Beeren kauft. Schon bald wird er durch Scannen des QR-Codes mit seinem Smartphone sehen können, wo die Beeren angebaut wurden und wie sich die Farm für Nachhaltigkeit einsetzt. Außerdem kann er sich vergewissern, dass das Unternehmen auf faire Arbeitsbedingungen und Löhne der Mitarbeiter achtet. Hinter alldem steht Blockchain-Technologie.

Es mangelt nicht an Experten, die den Nutzen der Blockchain hervorheben – ein Register, in dem sämtliche Transaktionen in Echtzeit gespeichert werden, um Licht ins Dunkel der Lieferketten zu bringen. Carol McMillan, IT Director bei Naturipe, setzt auf die zentralen Versprechen der Blockchain wie Fälschungssicherheit und Nachvollziehbarkeit der Daten. McMillan arbeitet mit SAP zusammen, um zwei dringliche Probleme bei Naturipe zu lösen: Nachverfolgbarkeit und Termintreue.

Nachverfolgbarkeit in Echtzeit: vom Erzeuger bis zum Lebensmittelgeschäft

„Nachverfolgbarkeit bedeutet, wir müssen die komplette Lieferkette vom Erzeuger bis zum Lebensmittelgeschäft prüfen können. Wichtig ist dies, weil es in den USA neue Zertifizierungsanforderungen in Bezug auf Lebensmittelsicherheit und -herkunft gibt“, erklärt McMillan. Termintreue ist wichtig, da Verzögerungen durch Grenzkontrollen oder andere Engpässe in der Lieferkette den frischen Früchten schaden können. Derzeit müssen die Zwischenhändler eine Menge Papierkram ausfüllen. Der Prozess ist langwierig und führt zu Verspätungen beim Transport des Obstes, das ohnehin eine sehr kurze Haltbarkeit hat. Hier ist dynamisches Reporting in Echtzeit erforderlich.“

In einem kürzlich erschienenen Artikel über die Vor- und Nachteile der Blockchain-Technologie erklärt Nathalie Toulon vom AgroTIC Digital Agriculture Chair in Frankreich, dass die in der Blockchain gespeicherten Daten nicht manipuliert werden können und sich deshalb die Ursachen von Problemen schnell ermitteln lassen. Da die Blockchain mit den verbundenen Objekten verknüpft ist, sind auch Echtzeit-Warnungen möglich, zum Beispiel, wenn die maximal zulässige Höchsttemperatur überschritten wird.

In Naturipes riesigem Kühlhaus in Miami sorgt das Personal dafür, dass die Früchte stets bei korrekten Temperaturen gelagert werden. Bekleidet mit weißem Kittel und grünem Haarnetz führt ein Lagerleiter McMillan durch den Umpackraum, in dem es so kalt ist, dass man seinen eigenen Atem sehen kann.

Beim Weitertransport per LKW kommen Temperaturschreiber und GPS-Tracker zum Einsatz. Dadurch ist es möglich, den Weg der Ware bis zu den Verbrauchern nachzuverfolgen.

„Mit dem Temperaturschreiber lässt sich die Qualität des Produkts sicherstellen, denn er zeichnet die Temperatur während der gesamten Logistikkette auf“, erklärt der Lagerleiter. „Sie muss konstant ein Grad Celsius betragen.“

Käufer erhalten Informationen zu Produkten via Cloud

Künftig sollen auch die Temperaturen in den LKWs automatisch in die Blockchain in der Cloud hochgeladen werden. Dann können auch die Käufer der Beeren die Protokolle sehen.

Doch in der Agrarbranche werden Stimmen laut, dass die Lebensmittelindustrie zunächst auf Gesundheits- und Sicherheitsbedenken eingehen sollte, bevor sie die Einführung der Blockchain-Technologie in Erwägung zieht.

„Das Problem ist nicht das Blockchain-Tool“, wird Agronomin Dr. Sarah Taber zitiert. „Das Problem sind die Menschen.“ Wie das Wirtschaftsmagazin Forbes  vor Kurzem berichtete, sollte die Agrarindustrie laut Taber erst einmal gut ausgebildete Arbeitskräfte einstellen und sie darin schulen, höhere Lebensmittelsicherheitsstandards zu erfüllen.

Einige Risikomanagement-Experten weisen darauf hin, dass bei einem lebensmittelbedingten Krankheitsausbruch die Ursache schnell gefunden werden kann. Denn mit Blockchain-Technologie lassen sich die Lebensmittel bis zu ihrer Quelle zurückverfolgen – innerhalb weniger Sekunden anstatt mehrerer Wochen. Befürworter sagen, dass die Technologie zudem Einzelhändlern hilft, gesetzliche Vorschriften einzuhalten und nachzuweisen, dass in den Lieferketten weder Sklaverei noch Menschenhandel vorkommen. Und die Verkäufer können ihren Kunden versichern, dass die Produkte aus nachhaltigen und ethisch einwandfreien Quellen stammen.

Die Unternehmerin und Vordenkerin Monica Eaton-Cardone ist davon überzeugt, „dass Blockchain das Potenzial besitzt, in den nächsten fünf Jahren eine vollständige Umgestaltung der Einzelhandelslandschaft zu bewirken”, an der sich 13 mal so viele Unternehmen beteiligen werden.

Wieder zurück aus Chile, bereite ich mir zuhause in den USA mein übliches Frühstück zu, das ich immer mit Blaubeeren garniere. Heute ist dies griechischer Joghurt mit Walnüssen. Ich sehe mir das Etikett an und stelle fest: Ja, es sind Beeren von Naturipe! Ich frage mich, ob sie genau von dem Feld kommen, das ich gerade in Chile besucht hatte.

Tricia Manning-Smith ist Senior Global On-Air Correspondent bei SAP TV.