Brexit hin oder her – die britische Kreativszene boomt

Jeder sechste Beschäftigte in London arbeitet in der Kreativbranche. Das entspricht 900.000 Talenten, die London damit zur größten Kreativmetropole der Welt machen.

Industriezweige wie die Pharma- oder Automobilindustrie hängen in erster Linie von Rohstoffen und naturwissenschaftlichem oder technischen Know-how ab. Ganz anders verhält es sich in den Kreativbranchen: Bei Kunst, Architektur, Musik, Design, Mode, Film, Publishing und Software kommt es auf die Kreativität, das Können und das Talent von Einzelpersonen an.

Gleichgesinnte treffen

„Kreativität entsteht durch Talent und ist international. Sie kann sich besonders gut in einem Umfeld mit vielen Gleichgesinnten entfalten“, sagt Ben Evans, einer der einflussreichsten Vertreter der Londoner Designszene und Mitbegründer des London Design Festival. „Menschen aus der ganzen Welt zieht es wegen seinem Ruf nach London. Denn es geht nicht nur darum, Dinge zu schaffen, sondern wo die Ideen sind.“

London, 1966 vom Time Magazine als „die schwingende Stadt“ bezeichnet, war das Epizentrum einer Revolution, die die Welt weit über die 1960er Jahre hinaus veränderte. Damals gaben die Rolling Stones Konzerte im Hyde Park, das erste “Supermodel” Twiggy kam auf den Plan, die Londoner Carnaby Street war das Modezentrum der Welt, und die erste Kreditkarte wurde von Barclaycard eingeführt.

Der Kreativschub jener Zeit läutete die Kehrtwende in London ein und beendet eine lange Rezession.

„Der Wandel Londons hin zu einer Wirtschaft, die auf Ideen, Kreativität und Technologie basiert, ist bemerkenswert“, sagt Evans, der sich um die Auswirkungen des Brexit Sorgen macht.

Die Vielfalt und das Wachstum der Londoner Kreativbranche zieht seit langem EU-Bürger an. Der Brexit könnte jedoch ihr Leben in vielerlei Hinsicht erheblich erschweren, beispielsweise durch Reisebeschränkungen, Visumspflichten und Arbeitserlaubnisse.

„Die Regierung hat in der Vergangenheit die Kreativdisziplinen nur langsam als Industrie anerkannt. Inzwischen wird aber immer deutlicher, dass sie mit ihren Kreationen ein enormes Potenzial haben, Wohlstand zu schaffen“, erklärt er. „Heute haben selbst Kleinstädte einen Beauftragten für die Kreativwirtschaft.“

Design ist alles

Für Evans gibt es Design seit Menschenbeginn. Denn Design ist Teil des menschlichen Grundbedürfnisses, die materielle Umgebung zu organisieren, um überleben zu können, und hat unsere Welt seit Anbeginn der Menschheit geprägt. Es ist ein sehr wirkungsvolles Instrument, das beeinflussen kann, wie wir uns fühlen, wie wir aussehen und was wir tun. Und es spielt eine wichtige Rolle bei der Art und Weise, wie wir leben, kommunizieren, pendeln, Probleme lösen und Dinge erledigen.

MultiPly by Waugh Thistleton Architects im Sackler Courtyard beim V&A, London Design Festival 2018

Als Evans 2003 zusammen mit Sir John Sorrell das London Design Festival aus der Taufe hob, war Design eine eher fragmentierte Disziplin. Und es war schwer, sich vor lauter Auswahl auf etwas festzulegen. Heute ist das Festival einer der Höhepunkte des Jahres, das jedes Jahr im September viele der größten Denker, Designer, Händler und Dozenten der Designbranche in London zusammenbringt.

„London ist in dieser Woche fest in unserer Hand“, sagt Evans, dessen Idee eine Million Festivalbesucher anzieht und 2018 99 Millionen Pfund zur britischen Wirtschaft beitrug.

Design ist aus Sicht von Evans ein Werkzeug – und der Ruf ist dabei alles:

„Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen dem Ruf und der Wanderbewegung der Arbeitskräfte. Die Menschen gehen nicht dahin, wo die Arbeit ist, wie früher beispielsweise nach Detroit zu den Automobilfabriken. Heute folgen die Investitionen den Arbeitskräften.“

Design Thinking für eine bessere Welt

Evans ist der Ansicht, dass Technologie und Design Hand in Hand gehen. Dies zeige das Beispiel eines BMW: Laut Evans werde ein BMW nicht deshalb gekauft, weil er zuverlässig sei – das seien heute alle Autos. Er werde gekauft, weil sich die Menschen vom Design angezogen fühlten. Und an den Käufen der Verbraucher könne man letztendlich ablesen, worauf sie Wert legten.

„BMW hat eine ganze Armee an Designern, die auf die größte Veränderung in der Automobilbranche seit 100 Jahren reagieren. In zehn Jahren wird es fast unmöglich sein, ein Auto mit Verbrennungsmoto zu kaufen“, stellt er fest.

Evans denkt auch, dass designorientierte Technologieunternehmen wie SAP Maßstäbe bei der Bewältigung der großen Probleme im Bereich Nachhaltigkeit setzen können. In Zusammenarbeit mit SAP konzipiert er die Gruppenausstellung Design Frontiers im Rahmen des London Design Festival 2019. Die Ausstellung zeigt 20 Beispiele für Nachhaltigkeitsprojekte, -produkte und -initiativen von Unternehmen, die Design Thinking einsetzen. Hierbei handelt es sich um eine spezielle Problemlösungsmethode, die auf den Nutzen für den Menschen und Empathie setzt.

Eine dieser Initiativen ist der UK Plastics Pact. Unternehmen, Regierungsbehörden, gemeinnützige Organisationen und andere Interessengruppen erarbeiten dabei gemeinsam ein Konzept für eine Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe. Das Projekt will das Problem des Plastikmülls bekämpfen und bis 2025 Einwegverpackungen durch wiederverwendbare, recycelbare oder kompostierbare Verpackungen ersetzen. Gemeinsam mit SAP hat die Organisation die Plattform Plastics Cloud geschaffen, um Daten aus der gesamten globalen Lieferkette zusammenzutragen.

Hierbei führte ein SAP-Team unter der Leitung von Stephen Jamieson, Leiter von SAP Leonardo in Großbritannien und Irland, zunächst eine umfassende Umfrage durch, wie Verbraucher in Großbritannien Kunststoffe verwenden. Anschließend lud es 25 Schlüsselunternehmen wie Coca-Cola, Unilever und Marks & Spencer zu einem dreitägigen Design Thinking Workshop ein, um Lösungsstrategien für verschiedene Arten von Konsumentenverhalten zu entwickeln.

„Indem sich die SAP in die Netzwerke der Stadt einbringt, wird sie zu einem Anker im Meer der Möglichkeiten“, sagt Evans. „Die Verbraucher sind heute designaffin und nehmen ihre Umwelt bewusst war. Die Menschen erkennen und verstehen, welchen Beitrag gutes Design für Industriezweige, Städte und letztendlich sie selbst leisten kann.“

Bild oben: Trashpresso by Pentatonic im Edmund J. Safra Courtyard in Somerset House, Design Frontiers 2017