4. Digital Leadership Roundtable: Traditionen schätzen, Neues schaffen

Die große Mehrheit der Unternehmen in Deutschland hat eine digitale Strategie definiert, doch nur wenige befinden sich schon in der Umsetzung. Das liegt weniger an den Optionen, sondern vielmehr an Traditionen der Unternehmen, so eine Erkenntnis des 4. Digital Leadership Roundtable.

Die Computermaus mit den Augen steuern, Zusammenarbeit und Projektmanagement in Business-Software integrieren und die logistischen Abläufe transparent machen: Auf dem 4. Digital Leadership Roundtable zeigten Startups, wie Prozesse entschieden effizienter werden können und Unternehmen von ihren Ideen profitieren können. Denn für Konzerne ist es nicht immer einfach, die Digitalisierung zu etablieren – wie Heiko Schletz vom Hausgerätehersteller BSH Hausgeräte und CIO Jörg Kohlenz von Autozulieferer Leoni im AppHaus in Heidelberg berichten.

Innovation mit KI: Business-Software mit den Augen bedienen

Der so genannte Eyetracker ist innerhalb von 25 Sekunden kalibriert: Dabei verfolgt der Nutzer einfach sieben nacheinander erscheinende, blaue Punkte, bis diese „zerplatzen“. Stephan Odörfer ist an drei Tagen pro Woche unterwegs, um zu vermitteln, wie sich mithilfe der Technologie seines Münchner Startups 4tiitoo die Maus immer wieder durch pure Augenbewegungen ersetzen lässt. Die seit einem Jahr auch von dem Innovationsfond von SAP, SAP.iO, unterstützte Lösung nennt Odörfer NUIA. Das Kürzel steht für „Natural User Interaktion“ für (Business-)Applikationen. Eine Augenbewegung zur Menüleiste eines Programms genügt, schon springen Bubbles als mögliche Klickoptionen auf. Ein Blick auf eine der Bubbles genügt und sie platzt auf und löst das verbundene Element aus. Der nächste Arbeitsschritt ist gemacht, ohne eine Maus in der Hand zu haben. „Bis zu 8.000 Klicks am Tag“ mache ein Sachbearbeiter z.B. in der Buchhaltung täglich, sagt 4tiitoo-Gründer Odörfer. Bei einer nachgewiesenen Produktivitätssteigerung von vier bis 12 Prozent spart ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern, so Analysen des Startups, rund eine Millionen Euro pro Jahr ein. Zudem wird das System immer besser, je länger es genutzt wird. Denn durch künstliche Intelligenz lernt es ständig dazu und passt sich an den Nutzer an.

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Modernes Projektmanagement: Zusammenarbeit in CRM-Software integrieren

NUIA eignet sich gut, in einem kollaborativem Workspace wie dem AppHaus in Heidelberg direkt zu zeigen, wie die Lösung funktioniert. Doch auch andere Ideen haben das Potenzial, Abläufe im Unternehmen zu vereinfachen. „Dem Team Superkräfte verleihen“ will etwa Natascha Josipovic vom SAP-internen Startup Ruum by SAP. „60 Prozent der Zeit geht in Unternehmen für Koordination in Form von Meetings und Mails drauf“, sagt die Strategin des Startups aus Berlin– unter anderem, weil eine Lücke zwischen Untenehmenssoftware und Office-Anwendungen besteht, wenn es um die Ausführung von Prozessen rund um die Geschäftsdaten geht. Ruum schafft hier eine Brücke. Wer etwa als Vertriebsmitarbeiter ein CRM-System wie die SAP Sales Cloud nutzt, arbeitet in der Regel mit vielen verschiedenen Beteiligten an komplexen Deals und Sales-Opportunities. Die Koordination dazu erfolgt aber oftmals per Mail, in Excel-Dokumenten oder in zeitintensiven Meetings ohne jegliche Transparenz. Ruum by SAP lässt sich unter anderem in die SAP Sales Cloud und das Portfolio von SAP C/4HANA integrieren und gibt Nutzern eine Übersicht über sämtliche Aktivitäten, über deren Stati und Deadlines sowohl die Möglichkeit, Projektmitglieder hinzufügen, Dokumente zu teilen und Aufgaben zu vergeben. Das Besondere: „Es ist kein Hin- und Herspringen zwischen Ruum und Geschäftsanwendung nötig – die Anwendungen sind integriert und die Daten in der Sales Cloud werden automatisch synchronisiert“, erläutert Josipovic die Funktion des Projekt- und Kollaborationstools Ruum, das innerhalb der 2,5 Jahre seit Gründung bereits in über 2.000 Unternehmen von mehr als 25.000 Mitarbeitern genutzt wird.

Digitale Lieferkette: Die Ankunftszeit von LKWs genau berechnen

Auch dem dritten Startup des Abends geht es um Zeitgewinn und Effizienz. Das 2014 in Paris gegründete Unternehmen Shippeo hat gerade beim SAP Campus Basel die Startup Challenge 2019 gewonnen. Die Idee besteht darin, die logistische Lieferkette transparent zu machen. Die Kunst besteht darin, die so genannte Estimated Time to Arrival (ETA) der LKWs zu berechnen. Dafür ist es nötig, so viele Speditionen und Telematiksysteme wie möglich auf die Plattform aufzuschalten. Tim Sadowski nennt es „onboarden“. Da viele Handelsunternehmen die Lösung SAP Transportation Management und auch SAP Global Track and Trace (SAP GTT) für die Planung ihres Transportmanagements einsetzen, zieht sich Shippeo zudem die nötigen Daten aus diesen Systemen. „Mit unserer Plattform bekommen wir einen einheitlichen Zugriff auf alle Daten“, erläutert der Leiter Pre-Sales für Deutschland Sadowski, „und vor allem gibt es keine Trennung mehr zwischen prädiktiven und historischen Daten.“ Die Vorteile: Höhere Effizienz im Lagermanagement (5 bis 15 Prozent),  geringere administrative Kosten (10 bis 20 Prozent) und in 20 bis 50 Prozent weniger Strafen etwa durch verzögerte Anlieferungen.

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„Denken Sie darüber nach, was Sie brauchen, das Unmögliche möglich zu machen.“ (Guido Schlief, Leiter von SAP Digital Business Services in der Region MEE)

Der 4. Digital Leadership Roundtable zeigt: An Ideen mangelt es nicht. „Denken Sie darüber nach, was Sie dazu brauchen, das Unmögliche möglich zu machen“, fordert Guido Schlief, Leiter von SAP Digital Business Services in der Region MEE die etwa 60 Führungskräfte aus der Wirtschaft auf. Denn die Grundlage für datenbasierte Geschäftsmodelle ist etwa mit Cloud-Lösungen, künstlicher Intelligenz und dem Internet der Dinge gelegt. An der Technologie mangelt es nicht. Und die meisten Unternehmen haben das nicht nur verstanden, sondern bereits eine digitale Strategie definiert. Allerdings befinden sich nur wenige von ihnen bereits in der konkreten Umsetzung.

Digitalisierung bei Leoni: Kabel intelligenter machen

Die Leoni AG zum Beispiel hingegen steckt bereits mitten in der digitalen Transformation. Seit 1917 produziert und verkauft die Leoni AG Kabel- und Kabelsysteme und macht damit derzeit etwa fünf Milliarden Euro Umsatz. 22 Millionen Kilometer Kabel produziert das Nürnberger Unternehmen pro Jahr – genug, um die Erde über 550 Mal damit zu umwickeln. Doch bringt die Digitalisierung neue Herausforderungen: „Wir müssen unsere Kabel intelligenter machen“, fordert der CIO der Division WCS Jörg Kohlenz. Ging es in den letzten Jahren und Jahrzehnten eher darum, vom Kabel und dessen Preis zu sprechen, will der Manager nun weg von der Preisdiskussion. Hin zum künftigen Zweck des Kabels, über Sensorik Mehrwerte und neue Services zu schaffen. Kabel für Robotersysteme etwa sind heute mit Sensoriken aufgerüstet, um Roboter überwachen und warten zu können. Und über besonders leistungsfähige Ladekabel lässt sich nicht nur High Voltage Charging für E-Autos gewährleisten, sondern auch eine Intelligenz einbauen, die Probleme im System frühzeitig meldet und Risiken minimiert. „Die IT spielt hierbei eine entscheidende Rolle und muss diese Reise mit dem Business Hand in Hand gehen”, sagt Kohlenz.

Heiko Schletz, BSH Hausgeräte: „Speed ist nicht alles; auch die Richtung muss stimmen.“

Eine begonnene digitale Transformation ist erst der Anfang. Und sie braucht Zeit. „Gerade heutzutage gibt es sehr viele Hypes“, sagt Heiko Schletz, „da ist auch ein Maß an Ruhe und Gelassenheit gefragt, um den richtigen Weg zu finden. Erfahrungswerte aus der Vergangenheit können dabei helfen; zu oft werden sie als reine Störfaktoren wahrgenommen“ Der Leiter Governance, Methods, Systems (Accounting & Controlling) bei BSH Hausgeräte zeigt in Heidelberg sein „Big Picture“. Was ist, was wird, was könnte sein: Diese Fragen beschäftigen das Team der BSH, welches bereits einige Trendthemen auf dem Weg zum intelligenten Unternehmen angeschoben hat, von der Prozessoptimierung (über Celonis), Prozessautomatisierungen (RPA), den Digital Boardroom auf Basis von SAP Business Warehouse, Predictive Analytics bis hin zum SAP-S/4HANA-basierten Management Accounting der Zukunft. Und doch mahnt er: „Die Revolution per Big Bang ist nicht die Lösung. Speed ist nicht alles und oft auch eine Frage von Ressourcen. Entscheidend ist, dass die Bewegungsrichtung stimmt.“

Die Beispiele Leoni und BSH Hausgeräte zeigen, dass die Digitalisierung kommt, in welchem Tempo auch immer. Die Herausforderung vieler Unternehmen besteht darin, dass ihre Geschäftsmodelle zwar heute noch sehr erfolgreich sind, aber in wenigen Jahren schon überholt sein können. „Da kann ein Know-how-Transfer zwischen Startups und Unternehmen durchaus dazu beitragen, sich immer mal wieder ein wenig neu zu erfinden“, ist Guido Schlief von SAP Digital Business Services überzeugt.