„Mit SAP S/4HANA kann die IT flexibler auf die Anforderungen der Fachbereiche reagieren“

Im Interview spricht Jan Gilg, der als Präsident SAP S/4HANA die komplette Produktlinie SAP S/4HANA verantwortet, über die Neuigkeiten des ERP-Systems und die Auswirkungen der Corona-Krise. Für die IT-Strategie der Kunden werden Integration, Ende-zu-Ende-Prozesse und eine einheitliche Benutzererfahrung immer wichtiger.

Herr Gilg, wie gehen Sie mit der aktuellen Corona-Krise um?

Natürlich hat sich auch bei uns durch die Corona-Krise etwas geändert. Unsere Anwendungsentwickler arbeiten derzeitig an vielen Standorten zu Hause. Das klappt technisch sehr gut und auch die Effektivität konnten wir aufrechterhalten. Schwierig ist die Doppelbelastung, wenn Kinderbetreuung und Home Schooling hinzukommen, Familienmitglieder betreut werden und beide Partner im Homeoffice arbeiten. Urlaub und definierte Auszeiten sind Lösungen, aber es bleibt eine Herausforderung für unsere Kolleginnen und Kollegen und uns alle. Wir haben verschiedene Maßnahmen getroffen, die den Mitarbeitern etwas Erleichterung verschaffen sollen. Vom IT-Equipment, das die Kollegen mit nach Hause nehmen können, bis hin zu Unterstützungsangeboten gibt es eine große Auswahl an Hilfe.

In der Krise flexibel reagieren mit skalierbaren Cloud-Lösungen

Passen die Kunden aktuell ihre IT-Strategie an?

Auf der Kundenseite gehen viele Projekte gut weiter und wir stellen fest, dass Dinge die noch kürzlich schwer vorstellbar waren, doch reibungslos funktionieren – wie zum Beispiel der Remote Go-Live von Komax. Das Unternehmen hat kürzlich SAP S/4HANA Cloud in Betrieb genommen. Doch verständlicherweise gab es in bestimmten Branchen Verschiebungen und wir haben unsere Unterstützung den individuellen Situationen angepasst. Der Ausblick ist aber positiv: Wir sehen, dass die Unternehmen ihre Flexibilität vor allem mit skalierbaren Cloud-Lösungen ausbauen wollen. Nach der Krise möchten einige Unternehmen beispielsweise Prozesse in den Lieferketten flexibler gestalten – und das ist unser Kerngeschäft.

Kürzlich wurde eine neue Version von SAP S/4HANA Cloud veröffentlicht. Was dürfen Anwender erwarten?

Wir haben unsere Roadmap klar definiert und liefern die entsprechenden Innovationen: Die neue Version von SAP S/4HANA Cloud ist trotz COVID-19 Ende April planmäßig live gegangen. Sie bietet einige funktionale Verbesserungen, zum Beispiel im Zahlungsmanagement, aber auch für Service und Beschaffung. Der Fokus dieses Updates liegt allerdings auf der Integration. Unsere Kunden haben zum Beispiel eine umfassende Einbindung von SAP SuccessFactors für das Personalmanagement gefordert, die nun bereitsteht. Auch Compliance-Regelungen im globalen Handel können Unternehmen nun noch besser managen.

Welche Rolle spielt die Fähigkeit zur Integration in der IT-Strategie?

Integration spielt eine enorm große Rolle – besonders in der Cloud. Die Vielfalt an Lösungen wächst rasant und die Unternehmen müssen sich entscheiden: Setze ich auf ein bereits integriertes System eines Herstellers oder viele Lösungen, die ich dann weitestgehend selbst integriere? Wir beobachten derzeitig einen Trend in die Richtung zu einem Anbieter, der die Integration anderer Anwendungen ermöglicht, so wie eben die SAP. Durch flexible Integration können Unternehmen wirtschaftlich nachhaltiger agieren, ihre Geschäftsmodelle anpassen und Raum für Innovationen schaffen. In der Produktion gehören die Losgröße 1 oder die vorausschauende Wartung zu den Möglichkeiten, die Märkte zu erweitern oder Effizienz zu erhöhen.

 

Grafik: Die ERP-Lösung SAP S/4HANA ist der Kern intelligenter Unternehmen
Die ERP-Lösung SAP S/4HANA ist der Kern intelligenter Unternehmen.

Heißt das auch, dass Ende-zu-Ende-Prozesse den Weg aus der IT-Strategie in die Realität finden?

Automatisierte Ende-zu-Ende-Prozesse wie Lead-to-Cash, von der Bestellung bis zur Bezahlung, bieten wir bereits an, ebenso wie Prozesse im Vertrieb, in der Beschaffung oder für die Lieferketten. Oft sind hier viele Lösungen involviert und es kommt darauf an, dass die Anwender den Prozess wie eine einzige Lösung wahrnehmen. Die Technologie im Hintergrund ist für die Nutzer nicht entscheidend. Oberflächen der Software gestalten Unternehmen in der Cloud mit SAP Fiori, unserem Designsystem.

Was bedeutet für Sie gute User Experience, also gute Benutzererfahrung?

Für die Anwender ist die technische Plattform heute schon nicht mehr unterscheidbar. Sie merken nicht, ob sie in der Cloud oder mit einer installierten Software arbeiten. Entsprechend basieren Entscheidungen für SAP S/4HANA auch meist nicht auf technischen Details, sondern auf dem Mehrwert für das Unternehmen und die Mitarbeiter. Die Benutzererfahrung und die Ausrichtung auf den Anwender stellen einen wesentlichen Teil des Erfolgs für ein IT-Projekt dar. Selbst gut organisiertes Change Management kann nicht ausbügeln, wenn eine Lösung die Erwartungen der Mitarbeiter nicht erfüllt. Wir holen daher Anwenderfeedback sehr früh ein, bevor wir mit dem Design starten. Auch lassen wir Anwender die Software ausführlich testen und setzen Methoden wie Design Thinking ein, um sicherzugehen, dass wir Produkte entsprechend der Kundenbedürfnisse entwickeln. Die User Experience steht bei uns ganz oben auf der Prioritätenliste.

Letztlich geht es bei Software um die Anwender aus den Fachbereichen, von denen auch Anregungen für neue Lösungen ausgehen. CIOs und andere Entscheider in den Unternehmen nehmen diese Anregungen auf und vereinfachen damit den Wandel. Die Anwender müssen nicht erst überzeugt werden, dass sie mit dem neuen System die tägliche Arbeit besser erledigen können. Sie wissen es.

Wechsel zur intelligenten ERP-Lösung bietet Möglichkeiten zur Optimierung

Welche weiteren Gründe haben Unternehmen für den Wechsel zu SAP S/4HANA?

Viele Unternehmen haben vor zehn bis 15 Jahren in ein ERP-System investiert und dieses dann immer weiter ausgebaut. Wenn Prozesse seit über einem Jahrzehnt bestehen, ergibt sich durch die stete Veränderung im Markt die Notwendigkeit, diese Prozesse an neue Gegebenheiten anzupassen. Veränderungen werden heutzutage immer schneller und häufiger notwendig und die Corona-Krise zeigt uns, dass sich quasi von einem Tag auf den anderen Rahmenbedingungen für Unternehmen signifikant und dauerhaft ändern können. SAP S/4HANA bietet deutliche Mehrwerte bei Flexibilität, Integration und Schnelligkeit. Gleichzeitig nehmen die Kunden die Chance wahr, ihre Prozesse grundlegend auf den Prüfstand zu stellen – unabhängig von der derzeitigen Krise. Fast alle der DAX 30 Unternehmen haben sich bereits mit Lizenzen versorgt und wollen den Weg mit uns gehen.

Warum hat die SAP die Wartung für SAP S/4HANA bis 2040 verlängert und hält auch die Mainstream-Wartung für Kernanwendungen der SAP Business Suite 7 bis Ende 2027 aufrecht, die erweiterte Wartung sogar bis Ende des Jahres 2030?

Wir machen das, weil unsere Kunden Planungssicherheit brauchen und wir keinen Zeitdruck aufbauen wollen. Zwar lässt sich ein System im besten Fall relativ schnell komplett auf SAP S/4HANA umstellen – in weniger als einem Monat kann es produktiv sein. Aber wir sprechen bei einem Wechsel oft von umfangreichen IT-Landschaften, in denen sehr viele verschiedene Systeme im Betrieb sind, und dann kann ein Wechsel durchaus Jahre dauern. Diese Zeit geben wir unseren Kunden natürlich. Die Reaktion unserer Kunden auf die Verlängerung des Wartungsangebots war durchweg positiv.

Welche Strategie verfolgt die SAP mit SAP S/4HANA?

Lassen Sie mich mit dem Thema Cloud beginnen. Wir verfolgen schon lange die Strategie „Cloud first“, und die Cloud wird auch von vielen Kunden bevorzugt. Doch ERP ging deutlich später in die Cloud als andere Anwendungen. Das liegt daran, dass die Unternehmen manche Prozesse in der Software anpassen möchten. Bei uns können die Kunden deshalb eigenen Code in SAP S/4HANA Cloud integrieren. Genau dieser Vorteil unterscheidet uns von anderen Anbietern. Mit SAP S/4HANA kann die IT viel flexibler auf die Anforderungen der Fachbereiche reagieren.

Die Implementierungsgeschwindigkeit und die benötigte Zeit, um Mehrwerte zu realisieren, sind entscheidend: Deshalb bieten wir viele vorkonfigurierte Prozesse, sogenannte Best Practices, die Kunden direkt nutzen können. SAP S/4HANA Cloud wird dadurch viel einfacher und schneller produktiv. Dazu habe ich schon die starke Integrationsfähigkeit erwähnt, für die bei uns viele Schnittstellen bereitstehen. SAP S/4HANA ist robust und zuverlässig skalierbar. Damit wird die Software zur ersten Wahl, gerade wenn es um unternehmenskritische Prozesse geht, bei denen es darauf ankommt, dass sie zuverlässig funktionieren. Zusätzlich bieten wir seit Kurzem branchenspezifische Cloud-Lösungen an. Sie werden über SAP S/4HANA integriert und über die SAP Cloud Platform entwickelt.

Best Practices für die Cloud-ERP

Die Implementierungsgeschwindigkeit und die benötigte Zeit, um Mehrwerte zu realisieren, sind entscheidend: Deshalb bieten wir viele vorkonfigurierte Prozesse, sogenannte Best Practices, die Kunden direkt nutzen können. SAP S/4HANA Cloud wird dadurch viel einfacher und schneller produktiv. Dazu habe ich schon die starke Integrationsfähigkeit erwähnt, für die bei uns viele Schnittstellen bereitstehen. SAP S/4HANA ist robust und zuverlässig skalierbar. Damit wird die Software zur ersten Wahl, gerade wenn es um unternehmenskritische Prozesse geht, bei denen es darauf ankommt, dass sie zuverlässig funktionieren. Zusätzlich bieten wir wie kürzlich angekündigt branchenspezifischen Cloud-Lösungen an, die mit SAP S/4HANA integriert und über die SAP Cloud Platform entwickelt werden.

Welche Rolle wird die SAP Cloud Platform in Zukunft spielen?

Die SAP Cloud Platform spielt eine strategische Rolle für SAP: Wir bauen darauf neue Standardsoftware, etwa spezielle Industrielösungen, und integrieren verschiedene Applikationen. Damit ist sie die zentrale Plattform für Integration und Erweiterung. Unternehmen können Erweiterungen zu unserer Standardsoftware auf dieser Plattform entwickeln und dabei zentrale Services wie den Stammdatenservice nutzen, um einfach in die SAP-Welt zu integrieren. SAP-Partner erweitern zudem die Funktionen von SAP S/4HANA und stellen sie über einen Marktplatz bereit. Somit wächst das Ökosystem an Unternehmen und Entwicklern, das fast täglich neue Software einbindet und zur Verfügung stellt. Es entstehen neue Möglichkeiten, mit denen Unternehmen in Zukunft noch flexibler handeln können, wie zum Beispiel in Krisen wie dieser, die wir jetzt gerade erfahren. Wir nennen solch agile Unternehmen intelligente Unternehmen. Aber natürlich bedeutet der Einsatz eines modernen Softwaresystems nicht, dass eine Krise keine Auswirkungen auf ein Unternehmen hat – Software ist aber ein Instrument, das Auswirkungen abmildern kann.