UX-Design: Fünf Prinzipien für die Entwicklung attraktiver und flexibler Benutzeroberflächen

Künstliche Intelligenz (KI) verändert unsere Arbeitsweise. KI löst das traditionelle Paradigma ab, dass Maschinen von Menschen bedient werden, und macht aus der Mensch-Maschine-Interaktion einen Dialog zwischen Partnern, deren Fähigkeiten einander ergänzen.

Designer haben bereits frühzeitig erkannt, welches Potenzial KI für die Verbesserung des Benutzererlebnisses birgt. Das Design sorgt dafür, dass den Anwendern aussagekräftigere Informationen und Optionen zur Verfügung stehen, die sie bei der Bedienung komplexer Oberflächen unterstützen. In der Vergangenheit haben intelligente Designs jedoch lediglich dazu geführt, dass Benutzeroberflächen mit Funktionen etwa für die Bewertung der Relevanz oder Vertrauenswürdigkeit, Optionen für Empfehlungen und inkompetenten Chatbots noch komplexer wurden. Bei den Anwendern führte dies zu Frust und Misstrauen. Denn für sie sind weniger die neuesten technologischen Spielereien wichtig, sondern vielmehr ein möglichst effizientes Arbeiten. Sie erwarten, dass KI unauffällig und dennoch zuverlässig funktioniert. Zugleich möchten sie in der Lage sein, intelligente Funktionen zu verstehen, korrigierend einzugreifen und bei Bedarf die KI außer Kraft zu setzen.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen Designer eine nahtlose Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine ermöglichen. Beide nutzen dabei ihre individuellen Stärken, um sich gegenseitig zu unterstützen, doch der Mensch behält die Kontrolle. Wir haben eine Reihe von Designprinzipien und Richtlinien entwickelt, um dieses Konzept in unseren Lösungen zu verankern.

Neue KI-Technologien für die Interaktion

Mithilfe von KI lassen sich herkömmliche Interaktionsmethoden wie Maus und Tastatur hervorragend mit neuen Techniken wie der Blicksteuerung und der dialoggesteuerten Interaktion verbinden. Bislang ist keine dieser Methoden so weit entwickelt, dass sie die anderen ersetzen könnte, doch ihre Kombination eröffnet völlig neue Möglichkeiten.

Durch Blicksteuerung können Anwender Systeme schneller bedienen und produktiver arbeiten, da sie zusätzliche Informationen zu den Objekten in ihrem Blickfeld erhalten. Diese Technik ermöglicht ein einfacheres Auswählen und Filtern und stellt Kontextinformationen und zusätzliche Details bereit. Durch dialoggesteuerte Interaktion können Anwender das, was sie tun möchten, mit eigenen Worten ausdrücken, die dann von den Systemen in die entsprechenden Befehle übersetzt werden.
Mit diesen Technologien können Designer die Interaktion zwischen Mensch und Maschine erweitern und verbessern und dadurch eine intuitive, unmittelbare und bidirektionale Kommunikation unterstützen.

Technologie hat sich zu einer sozialen Kraft entwickelt – und die Interaktion von Menschen mit Technologie zu gestalten, ist Aufgabe des Designs. Unternehmen kommunizieren ihre Werte nicht nur durch Marketingbotschaften, sondern auch durch die Technologien, die ihre Mitarbeiter und Kunden einsetzen.

Deshalb ist für sie der Zweck stärker in den Mittelpunkt gerückt. Fragen wie „Warum machen wir etwas?“ und „Machen wir das Richtige und verfolgen wir damit den richtigen Zweck?“ sind somit wichtiger geworden. Design kann die Interaktion zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern und Kunden beeinflussen. Dieser Einfluss reicht weit über die Corporate Identity und das Marketing hinaus und zeigt, wie Entscheidungen getroffen und kommuniziert werden.

Um Mitarbeitern mehr Handlungsspielraum zu geben und ihr Engagement bei der Umsetzung der Unternehmensziele zu sichern, muss Software so gestaltet sein, dass sie Respekt und Transparenz fördert. Die Erläuterung von Aktionen und Entscheidungen sollte deshalb ebenfalls ein zentraler Aspekt des Designs einer Benutzeroberfläche sein.

Interaktion unabhängig vom Ort

Unsere Interaktion mit technischen Infrastrukturen erfolgt heute größtenteils über intelligente Geräte und Appliances. Technologie ist in unserem Alltag allgegenwärtig und prägt unser Erlebnis in der digitalen Welt. Über eine Vielzahl von Kanälen interagieren wir in unterschiedlichsten Situationen mit hochgradig komplexen Systemen. Diese Entwicklung macht auch vor Unternehmenssoftware nicht Halt. Bereits heute ist der Zugriff auf geschäftliche Aufgaben über Standardschnittstellen möglich, die in andere Kanäle wie intelligente Lautsprecher oder Steuerungskonsolen in Fahrzeugen integriert sind. Mit der Benutzeroberfläche SAP Fiori haben wir erstmals komplexe geschäftliche Aufgaben in kleinere Anwendungen unterteilt, mit denen die Aufgaben über ein Smartphone ausgeführt werden können.

Die angezeigten Informationen werden weiter reduziert, indem ermittelt wird, welche konkreten Zahlen ein Benutzer im jeweiligen Kontext benötigt. Die Anwender können diese Anzeige sicher und zuverlässig an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen. Die Modularisierung und Kontextualisierung komplexer Informationsstrukturen auf den Backend-Systemen ist somit sowohl aus Design-Perspektive als auch aus technischer Sicht eine Herausforderung.

Während sich Anwender eine einfachere und natürlichere Interaktion mit Software wünschen, werden die zugrunde liegenden Fakten und Prozesse immer komplexer und sind zunehmend eng miteinander verflochten. Sehr deutlich zeigt sich dies bei Unternehmenssoftware, die uns neue Möglichkeiten für die Visualisierung und Eingabe von Informationen aufzeigen soll. Herkömmliche Diagramme werden um mehrdimensionale, mithilfe von KI optimierte Visualisierungen ergänzt, die relevante Zusammenhänge veranschaulichen. Der Einsatz von Prognosetechnologien und eine Kombination verschiedener Eingabemethoden, darunter auch Blick- und Sprachsteuerung, ermöglichen eine präzisere und schnellere Eingabe als mit herkömmlichen Methoden.

Eines der effektivsten Instrumente zur Vereinfachung der Benutzerinteraktion schließlich ist die Bereitstellung und Erfassung von Kontextinformationen. Abhängig vom Kontext können Systeme Ausnahmen von Geschäftsprozessen erkennen und aus bestimmten Kombinationen von Parametern geschäftliche Auswirkungen und geeignete Gegenmaßnahmen ableiten. Ein besseres Verständnis des geschäftlichen Kontexts schafft die Voraussetzungen dafür, dass das System die Problemanalyse und den Lösungsvorschlag der Maschine ohne manuelle Dateneingabe durch den Anwender erkennen, bestätigen und korrigieren kann.

Die fünf wichtigsten Designprinzipien

Um den aktuellen Trends bei Benutzeroberflächen Rechnung zu tragen, sollten Entwickler fünf grundlegende Designprinzipien befolgen.

1 – Informieren Sie sich über den Anwender und den Anwendungsfall

Dieses Prinzip hat Vorrang vor allen anderen. Bei der Entwicklung eines Produkts müssen die Menschen im Mittelpunkt stehen, die das Produkt zur Erledigung ihrer Aufgaben nutzen sollen. Weder eine überragende Architektur noch ein überragendes Design können ein Produkt retten, wenn es den vorgesehenen Anwendungsfall nicht unterstützt.

2 – Nehmen Sie Einschränkungen als Anlass, innovativ zu werden

Zwar sind die Rahmenbedingungen oft vorgegeben, doch gehen viele Innovationen auf kreative Ansätze zur Einhaltung dieser Rahmenbedingungen zurück. Dinge, die heute noch unvorstellbar sind, können morgen bereits möglich sein.

3 – Setzen Sie auf Vielfalt

Unternehmenssoftware unterstützt die Ausführung von Geschäftsprozessen, und es kommt entscheidend darauf an, dabei alle mitzunehmen. Unterschiedliche Mitarbeiter, Arbeitsbedingungen und Kulturen haben Einfluss darauf, ob eine Lösung die Produktivität fördert oder behindert. Machen Sie sich diese Unterschiede bewusst und berücksichtigen Sie sie beim Design, indem Sie sie in den richtigen Zusammenhang setzen, spezielle Varianten entwickeln sowie unterstützende Funktionen und intelligente Empfehlungen anbieten. Stellen Sie außerdem Tools bereit, mit denen Kunden Standardlösungen ohne großen Kostenaufwand optimieren können.

4 – Geben Sie dem Anwender die Kontrolle

Anwender müssen jederzeit in der Lage sein, sich einen Überblick über den Status des Systems zu verschaffen und diesen zu kontrollieren. Die Kontrolle durch den Anwender bedeutet, dass Systementscheidungen klar kommuniziert werden und außer Kraft gesetzt werden können. Dieser Handlungsspielraum erfordert Wissen und Transparenz.

5 – Entwickeln Sie anpassbare Lösungen

Standardlösungen sind auf Best Practices ausgelegt. Durch nutzungsbasierte Optimierungen, Personalisierung und Automatisierung können Anwendungsfälle an individuelle Rollen und Vorlieben angepasst werden.

Wechselspiel zwischen Flexibilität und Skalierbarkeit

Vieles, was den Reiz von Software für Verbraucher ausmacht, ist für den geschäftlichen Kontext nicht geeignet. Geschäftsprozesse müssen standardisiert, zuverlässig, wiederholbar und überprüfbar sein. Und selbst wenn ein optimales Benutzererlebnis für den Einzelnen angestrebt wird, müssen Unternehmen sicherstellen, dass Mitarbeiter ihre Aufgaben korrekt erledigen.

Für die Schulung und Unterstützung von Mitarbeitern sind stabile, standardisierte Prozesse und Softwaresysteme erforderlich. Die einzelnen Prozessschritte, Überprüfungen und Informationen müssen richtig eingegeben werden und können in den meisten Fällen nicht der willkürlichen Entscheidung eines elektronischen Geräts überlassen werden. Unternehmen schränken deshalb häufig die Flexibilität ein und berechtigen einige wenige Experten, Anpassungen vorzunehmen. Flexibilität ist nur in klar definierten Grenzen möglich. Die zugrunde liegenden Geschäftsprozesse bleiben hiervon unberührt.

Das größte Potenzial für die Anpassung an individuelle Bedürfnisse bietet die Kontextualisierung, die Anwendern in jeder Situation die richtigen Lösungsoptionen und Standardeinstellungen zur Verfügung stellt. Während der Prozess unverändert bleibt, ist das System zunehmend besser in der Lage, die richtigen Informationen am richtigen Ort und die für die jeweilige Situation am besten geeigneten Optionen bereitzustellen.

Moderne Technologien ermöglichen uns die Entwicklung von Systemen, die die Intentionen der Anwender besser verstehen, sie bestmöglich unterstützen und ihnen die Kontrolle geben. Das System muss jedoch ausreichend flexibel sein, um sich an den jeweiligen Informationsbedarf und die Intentionen des Anwenders anzupassen, ohne die Ziele des Unternehmens im Hinblick auf Prozesse, gesetzliche Vorschriften und wirtschaftlichen Erfolg zu gefährden.

Bei innovativen Funktionen zur Interaktion mit Unternehmenssoftware muss überprüft werden, wie sie sich auf die Mitarbeiterproduktivität auswirken. Sofern sie keine deutlichen Verbesserungen im Hinblick auf die Effektivität oder Effizienz mit sich bringen, sind bewährte Interaktionsmöglichkeiten vorzuziehen, für die keine umfangreichen Schulungen und kein Änderungsmanagement erforderlich sind. In vielen Fällen besteht die Herausforderung bei der Entwicklung von Unternehmenssoftware nicht darin, ein innovatives und ansprechendes neues Design zu entwickeln, sondern Standarddesigns so zu optimieren und zu erweitern, dass sie den komplexen und speziellen Anforderungen bestimmter Rollen gerecht werden.

Die Kunst unseres Berufs liegt in der Entwicklung eines Designsystems mit Komponenten und Funktionen, die stabil sind und sich zugleich in unterschiedlichen geschäftlichen Kontexten wiederverwenden lassen. Sie müssen außerdem lange und kurze Texte in verschiedenen Sprachen unterstützen, barrierefrei sein und eine effiziente Nutzung auf unterschiedlichen Geräten ermöglichen. Dies erfordert erheblichen Investitionen, die häufig unterschätzt werden.

Unsere technischen Frameworks zeichnen sich durch ein skalierbares Design aus. So können wir und unsere Kunden ohne hohe Entwicklungs- und Betriebskosten effektive und effiziente Lösungen entwickeln und warten.

Als Designer müssen wir sicherstellen, dass unsere Produkte unser Designsystem optimal nutzen, laufend optimiert und an die Anforderungen der Anwender angepasst werden und in einem skalierbaren Technologie-Framework implementiert werden können. Wie uns SAP Fiori in den letzten sieben Jahren gezeigt hat, ist dies ein fortlaufender Prozess, in den kontinuierlich investiert werden muss.

Und das Design ist nur ein Aspekt der Entwicklung. Das bedeutet, dass wir eng mit den Produktbereichen, Kunden und Entwicklungsteams zusammenarbeiten müssen, um unsere Designs optimal auf die Anforderungen der Anwender, die jeweilige Marktsituation und technische Beschränkungen abzustimmen.

Gutes Design ist nicht unser alleiniges Ziel. Vielmehr möchten wir Produkte entwickeln, mit denen unsere Kunden ihr Unternehmen bestmöglich unterstützen können – und so von nachhaltigen Abläufen profitieren, die sich an immer wieder neue Anforderungen anpassen lassen.