Wie SAP nach Dresden kam – Aufschwung Ost in Sachsen vorprogrammiert (Teil 2)

Neben Berlin wird Dresden nach der Wende 1989 zum zweiten Standbein der SAP im Osten Deutschlands. Lesen Sie hier im zweiten Teil, wie SRS zu einem der wichtigsten Arbeitgeber im Osten wurde.

Hans-Jürgen Lodahl betont den positiven Einfluss, den Dieter Matheis, bis 2001 Kaufmännischer Leiter der SAP, auf die ökonomische Gestaltung der zu gründenden Firma hatte. Aufbauleiter und später Geschäftsführer von Seiten der SNI AG war Peter Hutzelmann, der die kaufmännische Leitung der SRS übernahm und in den kommenden sechs Jahren die Firmenentwicklung maßgeblich mit beeinflussteMit der Gründung mussten auf einen Schlag 325 Arbeitsverträge unterschrieben werden. Am Ende dachte ich, meinen eigenen Namen nicht mehr schreiben zu können“, erinnert sich Hutzelmann. Und auf den deutsch-deutschen Autobahnen gab es Stau in jede Richtung, denn a31. Oktober war Reformationstag  Feiertag im Osten – und a1. November Allerheiligen im Westen. Die Wessis machten erste Schnupper-Ausflüge in den Osten und die Ossis kamen mit neuen Gebrauchtwagen mit roten Kennzeichen zurück.“ 

SAP AG und SNI AG waren zu je 45 Prozent, die RPD GmbH zu 10 Prozent am Gemeinschaftsunternehmen beteiligt, das mit einem Stammkapital von sechs Millionen Mark an den Start ging. „Ursprünglich war eine Ein-Drittel-Verteilung geplant, so Hutzelmann, der sich noch lebhaft an das Gespräch mit Dietmar Hopp erinnert: „RPD konnte aber nur 10 Prozent zum Stammkapital beisteuern, dadurch erhöhte sich unser Anteil erheblich. Das musste ich mit dem SNI-Vorstand absprechen. Doch noch bevor ich dort einen Termin bekam, hatte Hopp die Frage des Stammkapitals schon mit dem Aufsichtsrat der SAP geklärt.“ 

Nach Wiedervereinigung: Stellenanzeige der SAP im „Sächsischen Tageblatt“ 1990.
Stellenanzeige im „Sächsischen Tageblatt“ 1990.

Gemeinsam zum Ziel 

Es konnte losgehen. Mit dem Abschluss des Jahres 1990 war die Hälfte des SRS-Stammkapitals verbraucht, aber dann ging es stetig bergauf“, erläutert Hutzelmann. „Wesentlich trug dazu bei, dass die SNI AG über 50 C40-Rechner für Pilotinstallationen kostenlos zur Verfügung gestellt hatte. 

SAP setzte das um, was sie zuvor in ihrer Ost-Strategie bekundet hattedass die Mitarbeiter vorrangig aus der DDR stammen sollten. Doch wie Joachim Singer erklärt, war das für die SRS-Kollegen, die als Berater für SAP-Projekte tätig wurden, anfänglich nicht ganz einfach: Die Betriebe wollten sich ungern von Robotron-Mitarbeitern beraten lassen. Die IT-Technik hatte in der DDR nie ausgereicht, wurde zugeteilt statt bestellt und die in den Betrieben bekannten Robotron-Techniker waren in der DDR deshalb nicht besonders angesehen. Es war also sehr wichtig, den RPD-Beratern erfahrene SAP-Beratungsleiter zur Seite zu stellen. Einer dieser Beratungsleiter aus Walldorf in der Anfangszeit war Joachim Prawitz, zuständig für den Bereich Personalwirtschaft, an den sich Wolfgang Kemna mit großem Respekt erinnert. Mit den Walldorfer Beratungsleitern wuchs auch die Akzeptanz der Ostberater. Für die SRS war es viel wichtiger, gute erfahrene SAP-Berater zu haben als gute Vertriebler oder EntwicklerEs gab nicht viel zu verkaufen, die Projekte wurden im Westen entschieden und bezahlt und das technische Knowhow hatte man in Dresden. Man hatte erkannt, dass es für die ostdeutschen Berater wichtig war, bei Projekten in Westdeutschland zum Einsatz zu kommenum zu lernen, wie Projekte bei SAP durchgeführt wurden und um ein eigenes Netzwerk innerhalb der SAP aufzubauen.“ 

Wichtig für den Erfolg in dieser Zeit war für Kemna auch Hans-Jürgen Lodahl„Er war einer der führenden Leute im Osten, nicht nur in Dresden, was IT, Hardware und Software anging, mit einem riesigen Netzwerk, der uns immer wieder geholfen hat. Manchmal war es für uns gar nicht transparent, an welchen Strippen er da gezogen hatte.“ 

Die Dresdener Berater hatten bei ihren Schulungen in Walldorf bereits erste Einblicke in R/3 erhalten, aber für die Großrechner der DDR war zunächst der Einsatz von R/2 vorgesehen.  Später hat sich herausgestellt, dass die Großrechner im Osten nicht leistungsfähig genug waren für unser R/2. Und es wurde außerdem klar, dass die Entscheidungen zur Softwareeinführung letztlich auch nicht in den volkseigenen Betrieben und in den Kombinaten im Osten, sondern bei den übernehmenden Mutterkonzernen im Westen getroffen wurden“, so KemnaDie VEM Sachsenwerk GmbH Dresden war eines der ersteUnternehmen, die ab 1991 mit dem R/2System RP (Personalwirtschaft) an den Start gingenund wurde als erstes Treuhandunternehmen zur ersten Kapitalgesellschaft der DDR. Die Firma wurde jedoch im Juli 1992 der Horst Plaschna Management GmbH & Co Beteiligungs- und VerkaufsKG Berlin zugeordnet und 1997 privatisiert und an die Blaubeurener Firmengruppe Merckle verkauft 

Mit der Liste der ostdeutschen Großbetriebe, die ab Januar 1991 mit R/2 RP die Lohn- und Gehaltsabrechnungen nach neuem bundesrepublikanischen Recht abwickelten, war das Marktpotenzial in der DDR für SAP-Software vorerst ausgeschöpft. Kemna erklärt, warum die SRS dennoch im ersten Geschäftsjahr schwarze Zahlen schriebDer Großteil der anfänglichen Beratungsumsätze kam tatsächlich über Projekte mit Westkunden – im Osten wurde alles abgewickelt. 1990 war zu früh für Neugründungen und die wären wiederum zu klein gewesen für unser R/2-Produkt.“ 

Dennoch wuchs ab 1991 auch im Osten die Zahl der SAP-Kunden, vorrangig im Bereich staatlich finanzierter AufträgeBeispielsweise wurden die Dresdner und Leipziger Verkehrsbetriebe für den Einsatz der SAP-Software gewonnen und sie zählen bis heute zu den SAP-Kunden. 

Bei SRS profitierte man von den Vorzügen des Joint Ventures, den Kontakten aller drei beteiligten Firmen und der Möglichkeit, Ausstattung, Betriebslösung und Betreuung aus einer Hand anbieten zu können.  

Das neue Firmenlogo der SAP SI wird auf dem Bürogebäude der ehemaligen SRS montiert.
Das neue Firmenlogo der SAP SI wird auf dem Bürogebäude der ehemaligen SRS montiert.

Ein sicherer Hafen 

Die Mitarbeiter wie Rainer Dittrich wussten um ihre Chance, denn infolge der rasanten De-Industrialisierung verloren in dieser Zeit Millionen Menschen im Osten ihren Arbeitsplatz. Die Regierung reagierte unter anderem mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Kurzarbeit und Altersübergangsregelungen: „Uns begegnete das Thema Kurzarbeit, das so viele ehemalige DDR-Bürger nach der Wende betreffen sollte, nur in Form einer zusätzlichen Neuentwicklung für unser RP-System, denn Kurzarbeit war in den neunziger Jahren im Westen kein großes Thema gewesen.“ Statt Arbeitslosigkeit warteten vielschichtige Herausforderungen auf das SRS-Kollegium. Die Arbeitsweise im SAP-Büro war damals schon – auch nach westdeutschem Standard – ihrer Zeit voraus. Die neuen Ostkollegen mussten also – zusätzlich zum Wissen über SAP-Produkte und Abläufe und zu allgemein marktwirtschaftlichen Themen – einen doppelten technischen Zeitsprung schaffen.

Petra Röber, heute Senior Business Support Specialist bei SAP in Dresden, war Peter Hutzelmanns Assistentin. Die junge Mutter war 1990 von RPD übernommen worden und arbeitete noch nach Hutzelmanns Ausscheiden als Vorstandsassistentin bei der SRS, bevor sie sich neuen SAP-Herausforderungen stellte. „In den 30 Jahren, in denen ich erst für SRS und dann für SAP gearbeitet habe, gab es kein Jahr, in dem ich nicht unheimlich viel dazulernen und mich weiter entwickeln konnte.“

Doch die SAP-Mitarbeiter waren einen partnerschaftlichen und zielorientierten Umgang miteinander gewöhnt und Überheblichkeit war nicht Teil der SAP-Kultur, so dass beide Seiten nach einem neugierigen Beschnuppern schnell zu einer guten fachlichen Zusammenarbeit übergehen konnten. Joachim Singer: „Ich war überrascht, dass ich mich selbst an meinen Vorgesetzen wenden konnte, als ich anfänglich Schwierigkeiten mit unserer IT hatte und er mir auf dem kurzen Dienstweg und äußerst hilfsbereit zur Hand ging.“ Für ihn zählt die gemeinsame Arbeit mit den SAP-Kollegen auch deshalb zur „besten West-Erfahrung“, die ihm in der Nachwendezeit widerfuhr. „Bei den Besuchen in Walldorf scherzten wir, es sei bei der SAP in Walldorf so ideal, wie der Kommunismus immer hatte sein wollen: kostenloses Essen für die Mitarbeiter, Firmenwagen für alle, Tennisspielen während der Arbeitszeit…“

Mit den Berliner Kollegen hatte man wenig zu tun, aber es gab eine Art „edlen Wettstreit mit Berlin“, so Kemna. Wichtig für die SAP war es, mit Berlin auch einen herstellerneutralen Standort im Osten zu haben, um neben der Dresdner Kooperation mit Siemens auch die Zusammenarbeit mit Hardware-Herstellern wie Compaq, HP und IBM nicht zu vernachlässigen.  

Letztlich erwies sich die Strategie, sich mit zwei Standbeinen aufzustellen, als stabile Grundlage für das Ostgeschäft. Zudem bot SAP ehemaligen DDR-Fachkräften in Berlin und Dresden eine neue berufliche Heimat. Sie erfuhren damit auch eine Anerkennung ihrer individuellen Lebensleistung in der DDR, was in der Nachwendezeit keineswegs selbstverständlich war. 

Wie ging es weiter? 

1993 wurde SRS privatisiert, und der Treuhandanteil von 10 Prozent wurde zu gleichen Teilen an SAP und Siemens verteilt. Im Genehmigungsverfahren beim Kartellamt begründeten SiemensNixdorf und SAP den SchrittBisher leistet RPD an der Wertschöpfung bei SRS keinen Beitrag“. Joachim Singer: Außer den Mitarbeitern von Robotron, die aber nun mittlerweile schon drei Jahre bei SRS waren, gab es keinerlei Beziehungen zu diesem Robotron-Projekt – es wurden keine Produkte übernommen – außer den Mitarbeitern und ihrem Wissen, was ja zu großen Teilen durch SAP und Siemens erneuert wurde, gab es tatsächlich nichts, was das Robotron-Projekt noch beitrug.  

Zehn Jahre später war SRS einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Der SAP-Anteil am Beratungsgeschäft der SRS wuchs stetig. „SAP erlebte einen wahnsinnigen Aufstieg, während SiemensNixdorf seiner Auflösung im Jahre 1998 entgegensah“, so Hutzelmann, der 1996 zu Siemens wechselteFolglich ging die SRS zu 100 Prozent an SAP.“    

1997 wurden die SRS, die SAP System Integration AG (SAP SI) in Alsbach-Hähnlein und die SAP Solutions in Freiberg am Neckar gemeinsam zur neuen SAP SI. Als solche gingen sie 2008 vollständig in den Mutterkonzern auf und man bezog die neuen SAP-Bürogebäude am Postplatz in Dresden. 

Standort Dresden feiert 30-jähriges Jubiläum

Dresden ist heute ein wichtiger Standort im SAP-Universum – Hans-Matthias Fischer sieht die Gründe dafür vor allem in seiner breiten Aufstellung„Der Mix aus Consulting, Vertrieb, Applikationsmanagement, Kundenbetreuung, IT-Support, Global Cloud Services und SAP Research macht Dresden attraktiv und stark. Die Region profitiert von SAP Dresden.“ Im November wird der Standort dreißig Jahre alt – er ist ein wichtiger Teil der SAP-Geschichte gewordenFischerDie Entwicklung der SRS ist für uns, die wir Mut undst Fähigkeiten mitbrachten, eine gigantische Chance gewesen, für die wir heute sehr dankbar sind.