SAP Türkei – Der Aufstieg am Bosporus

SAP erkannte früh die Bedeutung von kleineren Landesgesellschaften wie der SAP Türkei und gab ihnen die nötige Unterstützung und Freiheit.

Der Ort schien dem Anlass angemessen: Im Kempinski Istanbul, einem der luxuriösesten Hotels der Stadt, feierte die SAP Türkei am 6. November 2001 ihre Eröffnung. In den prunkvollen Hallen des ehemaligen osmanischen Palastes stießen geladene Gäste nach einer Pressekonferenz auf die offizielle Gründung der neuen Landesgesellschaft im Juli davor an. „Man hätte meinen können, ich werde Ministerpräsident oder sowas“, erinnert sich Safa Haktanır lachend an den Tag, an dem er als erster Geschäftsführer der SAP Türkei die Gäste begrüßte. Erst vier Jahre zuvor hatte er seine Karriere bei der SAP als Berater begonnen, nichts ahnend von den Möglichkeiten, die sich ihm im Laufe der kommenden Jahre noch bieten sollten.

Safa Haktanır in seiner Zeit als erster Geschäftsführer der SAP Türkei.

Obwohl die Veranstaltung bis ins kleinste Detail durchgeplant war, gab es Probleme. „Ich sollte zunächst die Pressekonferenz eröffnen, Enrico sollte sprechen und danach Léo“, erzählt Haktanır. Léo Apotheker leitete damals die Region EMEA (Europa, Naher Osten und Afrika) und Enrico Negroni war der Managing Director für Südeuropa. „Und dann bekomme ich die Nachricht: Es gibt Nebel, Léo kann nicht abfliegen und Enrico kommt mit Verspätung.“ Kurzerhand übernahm der Geschäftsführer also auch die Reden der beiden verhinderten Kollegen. Nach der Pressekonferenz traf Negroni ein, doch noch immer keine Spur von Apotheker. Denn kaum hatte sich der Nebel verzogen, gab es einen Brand im Cockpit. Ein paar Minuten vor Beginn der Nachmittagsveranstaltung traf aber auch der EMEA-Chef im Kempinski ein. „Ich fand das schon toll, wie die Beiden sich trotz aller Komplikationen eingesetzt haben“, freut sich Haktanır noch heute über das Engagement seiner damaligen Kollegen.

Vertrauen statt Mikromanagement

Dass nicht einmal ein Flugzeugbrand Apotheker davon abhalten konnte, an der Eröffnung der SAP Türkei teilzunehmen, sagt viel darüber aus, wie wichtig der Mutterkonzern selbst die kleinsten Landesgesellschaften nimmt. Die 19 Mitarbeiter im Gründungsteam hatten immer das Gefühl, von Walldorf unterstützt zu werden, ohne dass ihnen dabei auf die Finger geschaut wurde. „Wir waren frei in unseren Entscheidungen und das Vertrauen war groß“, erinnert sich Ismail Bosnalı zurück. Er stieß als Business Development Manager zu Haktanırs Team und hat seitdem zahlreiche Positionen innerhalb der Organisation bekleidet. „Unsere Führung legte immer Wert auf Vertrauen. Es gab kein Mikromanagement.“ Diese unternehmerische Freiheit war genauso ein Erfolgsgarant der Landesgesellschaft wie die Fähigkeit, sich als Firma an die Landeskultur anzupassen, um schnell das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. Nicht zuletzt war ausschlaggebend, dass die SAP-Mitarbeiter einen engen persönlichen Draht zu ihren Kunden knüpfen konnten. „Manchmal trafen wir uns mit ihnen nach den Demos an der Playstation“, lacht Ismail. „Wir waren alle jung und hatten viel Spaß im Büro. Trotz der langen Arbeitstage war jeder glücklich.“ Die „Work-Hard-Play-Hard-Einstellung“ unterstreicht auch Haktanır: „Die Mitarbeiter gingen nicht gleich heim nach der Arbeit. Sie saßen noch zusammen, spielten Videospiele und machten danach weiter. Wir hatten aber auch immer etwas zu feiern und das taten wir auch. Wir planten ständig neue Aktionen. Als der Kinofilm ,Matrix´ rauskam, mieteten wir einen Kinosaal und schauten die Premiere zusammen.“

Herbst 2001 – Erstes Gruppenfoto der SAP Türkei.

Goldene Jahre

Wenn sie nicht auf einer Feier oder Kinopremiere waren, hatten die Kollegen in der Türkei in den ersten Jahren jedoch alle Hände voll zu tun. Zunächst mussten bestehende Verträge der Distributionsfirma, die schon seit 1994 SAP-Produkte im Land vertrieben und die Marke SAP bekannt gemacht hatte, von der neuen Landesgesellschaft übernommen werden. Gleichzeitig wollte die SAP natürlich neue Kunden hinzugewinnen. Erdem Şekeroğlu, aktueller COO der SAP Türkei, erinnert sich an Tage, an denen die Mitarbeiter nicht einmal Zeit hatten, alle Anrufe zu beantworten. „Jeder von uns musste alle möglichen Aufgaben erledigen. Alle wollten etwas von der SAP hören.“ Um bei diesem Druck die Ruhe zu bewahren, war es praktisch für die Kollegen, dass sich das damalige Büro in Istanbul direkt im Akmerkez, einer der renommiertesten Einkaufsmalls der Türkei, befand. Şekeroğlu kann sich noch gut an diese kleinen Motivationsausflüge erinnern. „Während des Arbeitstages gingen wir ab und zu mit den Kollegen auf einen Kaffee in das Einkaufszentrum und diskutierten über Kundenprobleme und die Arbeit. Es war wie unser Zuhause.“

In den Erzählungen der Gründungsmitarbeiter wird der damalige Start-Up-Charakter der Firma deutlich. Flache Hierarchien und eine lockere, aber dennoch disziplinierte Arbeitsumgebung prägten den Alltag. Der Ausdruck „Goldene Jahre“ geht allen Interviewpartnern sehr leicht über die Lippen, wenn die frühen 2000er angesprochen werden. Dennoch gab es auch ungeahnte Komplikationen, die überwunden werden mussten.

Frühling 2002 – Erstes Off-site Team-Event in Sapanca, Sakarya; Safa Haktanir ist der Dritte von links, Ismail Hakkı Bosnalı der Erste von rechts.

Inflationäre Herausforderungen

Ein Unternehmen in Zeiten einer nationalen Finanzkrise zu gründen ist eine Sache. Wenn jedoch noch eine starke Inflation der Währung hinzu kommt, kann das für ein nicht dafür ausgelegtes ERP- System Probleme mit sich bringen. Diese Lektion lernten Haktanır und seine Kollegen, als die SAP- Lösungen aufgrund einer zu hohen Anzahl an Ziffern abstürzten. Der Wechselkurs zwischen Dollar und Lira war bei 1 zu 1,65 Millionen angelangt, was dazu führte, dass sogar ein einfaches Brot 90.000 Lira kostete. Dieses sogenannte Digit-Problem stellte die Landesgesellschaft vor ernsthafte Herausforderungen. Eine schnelle Lösung musste her, um keine Kunden zu verlieren. Ismail erinnert sich daran, wie ein externer Berater sagte: „Technisch gesehen ist es unmöglich, das zu beheben. Ihr müsst zur Regierung gehen und sie bitten, die Nullen zu streichen!“ Allen Warnungen zum Trotz fanden Huseyin Bulutoğlu, einer der erfahrensten Consultants der SAP Türkei, und sein Team einen vorübergehenden Workaround. Sie erstellten eine virtuelle Währung mit dem Namen „Kilolira“. Diese half dem System, drei bis sechs Stellen zu streichen. Um diese Umgehungsstrategie nutzen zu können, gingen die SAP-Berater sogar bis zum türkischen Finanzministerium und ließen sich eine offizielle Genehmigung zur Nutzung dieser Pseudowährung ausstellen. Glücklicherweise strich die Regierung im Jahre 2005 sechs Nullen aus der Währung, was die Arbeit für und mit den SAP-Systemen wieder vereinfachte und das Problem quasi über Nacht löste. „Das waren verrückte Zeiten“, lacht Ismail Bosnalı heute über die damaligen Probleme.

Raum zur Entfaltung genutzt

Die SAP Türkei entwickelte sich mit der Zeit zu einem bedeutenden Standort in der Region und unterstützt die Innovationsarbeit der Firma seit 2013 sogar mit einem eigenen Entwicklungszentrum. Die Landesgesellschaft konnte sich unter anderem deswegen so gut entwickeln, weil den einzelnen Mitarbeitern viel Raum zur freien Entfaltung geboten wurde. Dies wird auch deutlich, wenn man die berufliche Entwicklung der Interviewpartner Erdem Şekeroğlu, Ismail Bosnalı und Safa Haktanır betrachtet. Alle drei konnten schnell in bedeutende Positionen innerhalb der Firma aufrücken und sich stetig weiter entwickeln. Şekeroğlu hat es in seiner 20-jährigen SAP-Karriere vom Senior Consultant zum COO geschafft. Ismail Bosnalı hat einen ähnlichen Werdegang hinter sich und hat sich vom Presales Manager zum Head of Services in Middle East South hoch gearbeitet.

Der damalige Gründungsdirektor Safa Haktanır hatte zwischendurch die Leitung über nahezu alle Balkanländer der SAP inne und leistete auch dort die Aufbauarbeit, bis er wieder zurück in die Türkei kam. Heute ist er Country Manager Türkei für den SAP-Partner OpenText und arbeitet von Frankfurt aus. Trotzdem benutzt er noch immer die erste Person, wenn er über die SAP spricht. „Ich hab so viele gute Freunde bei der SAP. Noch immer. Ich komme ab und zu nach Walldorf. In den anderen Firmen habe ich diese engen Bindungen so nicht gesehen.“ Auch er betont, wie wichtig und prägend die frühe Verantwortung gepaart mit der Freiheit und Unterstützung durch den Mutterkonzern für die Mitarbeiter war. Seien es die qualitativ hochwertige Ausstattung der Büros, großzügige Marketingbudgets oder die Investitionen in ein Entwicklungszentrum:  SAP habe immer versucht, den Mitarbeitern ein solides Fundament zu bieten, was sich schlussendlich für beide Parteien auszahlte.

Safa Haktanır sagt es so: „Wenn du jemandem die Chance gibst, dann gibt er natürlich Gas. Und dann ist er auch nach 20 Jahren dankbar. Nicht wegen des Gehaltes, sondern weil er oder sie diese Chance hatte.“