Fünf Fragen an SAP Chief Technology Officer Jürgen Müller

Jürgen Müller, SAP CTO und Vorstandsmitglied, spricht im Interview über die Bedeutung von SAP HANA und SAP Leonardo und äußert sich zu den größten Herausforderungen und Chancen für die SAP.

Für die meisten ist ersichtlich, dass die SAP einen dramatischen und beeindruckenden Wandel durchläuft. Und natürlich wird über jede Bekanntmachung in Bezug auf die Prioritäten des Unternehmens heftig spekuliert. Wo steht die SAP heute?

Jürgen Müller: Ich sehe die SAP in einer einzigartigen Position. Wir haben ein umfassendes, durchgängiges Portfolio an Unternehmenslösungen aufgebaut. Mit diesen unterstützen wir große und kleine Kunden in jeder Branche in fast jedem Land der Welt. Zwei Dinge müssen wir jetzt aufrechterhalten: Kontinuität und Innovation. Dass Innovation notwendig ist, liegt auf der Hand. Ich betone aber auch Kontinuität. Erst letztes Jahr haben wir eine bedeutende Strategie zur Verwirklichung des intelligenten Unternehmens auf den Weg gebracht und unsere Kunden müssen sehen, dass wir uns weiterhin auf diese Strategie konzentrieren. Insbesondere müssen wir beweisen, dass unsere Funktionen für Datenanalyse und maschinelles Lernen tief in alle unsere Geschäftsanwendungen integriert sind.

Dazu müssen wir den geschäftlichen Nutzen in den Vordergrund stellen. Was können unsere Kunden dank unseren Lösungen als intelligente Unternehmen leisten, das sie vorher nicht konnten? Wie können SAP-Nutzer in ihren Unternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen, indem sie die operativen Abläufe mit den Benutzererlebnissen verknüpfen? Wir blicken auf eine lange Erfolgsgeschichte als Technologieentwickler zurück, aber diese Geschichte überzeugt unsere Kunden nur, wenn wir den geschäftlichen Nutzen demonstrieren, den sie mit SAP-Lösungen erzielen können. Wir können diese Geschichte anhand vielfältiger Beispiele erzählen, aber wir müssen dabei den Erfolg unserer Kunden in den Mittelpunkt stellen, und nicht unsere Selbstdarstellung.

Zukunft von SAP HANA

Über die Zukunft von SAP HANA wurde in einigen Veröffentlichungen gemutmaßt. Sie haben vor ein paar Wochen die Verantwortung für den gesamten Bereich Technologie und Innovation bei der SAP übernommen. Was wird aus SAP HANA?

Offen gesagt meine ich, wer unser Bekenntnis zu SAP HANA in Frage stellt, hat die Strategie der SAP nicht ganz verstanden. Wir haben gerade einem unserer klügsten Köpfe in der Entwicklung, Gerrit Kazmaier die Verantwortung für unsere Roadmap für SAP HANA Data Management übertragen. Tatsache ist, dass SAP HANA mit über 28.000 Kunden auf der SAP-HANA-Plattform ein Riesenerfolg ist, sowohl für uns als auch für unsere Kunden. Fast alle unsere Anwendungen, einschließlich SuccessFactors, beruhen inzwischen auf SAP HANA. Damit ist SAP HANA eine der weitreichendsten Datenbanken für Unternehmensanwendungen, wenn nicht sogar die weitreichendste. Angesichts dieser Größenordnung sind wir kontinuierlich bestrebt, neue HANA-Angebote auf der Grundlage dieser Erfolge zu entwickeln.

Auf der SAPPHIRE NOW in ein paar Wochen wird es diverse Ankündigungen zu SAP HANA geben. Ich habe einige kritische Artikel gelesen und muss ehrlich sagen, die darin geäußerten Vermutungen bezüglich SAP HANA gründen auf einem Umstrukturierungsprogramm, das Anfang des Jahres angekündigt worden war. Ich möchte die Besorgnis nicht kleinreden, die eine Umstrukturierung bei betroffenen Mitarbeitern auslöst. Die Strategie an sich ist klar: durch die Umstrukturierung wollen wir mehr von unseren Ressourcen in Bereichen einsetzen, in denen wir gemäß den Erwartungen unserer Kunden investieren sollen. Zukünftige HANA-Innovationen sind einer dieser Bereiche mit Priorität.

Wie Kunden von Innovationen mit SAP Leonardo profitieren

Ebenfalls in Ihr Portfolio fällt SAP Leonardo. Was sollten Kunden zu SAP Leonardo wissen?

Unsere Kunden müssen wissen, dass wir großartige Entwickler haben, die immer mehr Anwendungsfälle mit Technologien von SAP Leonardo erstellen, die in unsere eigentlichen Anwendungen eingebettet sind. Da bin ich wieder bei dem Punkt, den ich schon erwähnt habe: dass wir den geschäftlichen Nutzen vor die Technologiediskussion stellen müssen. Nehmen wir zum Beispiel ein Unternehmen wie Pregis in den USA, das mit SAP Leonardo Internet of Things seine Maschinen überwacht und analysiert. Es gibt auch viele Beispiele für den Einsatz von SAP Leonardo Blockchain, wie etwa bei Bumble Bee Foods, das mit dieser Technologie den Thunfisch für seine Produkte vom Ozean bis zum Supermarktregal verfolgt. Auch die Zahl der Anwendungsfälle für maschinelles Lernen wächst rasch, und ihre Auswirkungen lassen sich in jeder Branche beobachten. Genau gesagt, haben wir 100 einzigartige Szenarien auf Basis von maschinellem Lernen, und die Technologie ist in jede SAP-Anwendung integriert, von SAP Fieldglass bis hin zu SAP S/4HANA. BNP Paribas ist ein weitere Beispiel dafür, wie stark Kunden von intelligenten Technologien profitieren. Die Bankengruppe konnte den Onboarding-Prozess für Kunden des konzerneigenen Online-Ablegers Hello bank! von 25 auf unter 5 Minuten verkürzen – durch den Einsatz von intelligenter, robotergesteuerter Prozessautomatisierung.

Das Einzige, was wir vielleicht hätten anders machen sollen, als wir mit SAP Leonardo auf den Markt gingen, ist, unseren Kunden deutlicher bewusst zu machen, dass sie von Innovationen mit Leonardo profitieren, wenn sie SAP-Anwendungen nutzen. Dies ist ein Kernelement unserer Strategie für das intelligente Unternehmen, und es wird immer wichtiger werden.­

Sie und Christian Klein werden als die „neue Generation“ der SAP-Vorstandsmitglieder bezeichnet. Was bedeutet das für Sie, und gibt es eine einheitliche Entwicklungsagenda für das Unternehmen?

Ich bin immer etwas skeptisch, wenn jemand den Ausdruck „nächste Generation“ verwendet. Die Realität ist, dass wir Kolleginnen und Kollegen haben, die seit Jahrzehnten bei der SAP arbeiten und genauso zukunftsorientiert denken wie Mitarbeiter, die erst seit einigen Monaten bei uns sind. Alter ist nur eine Zahl und sagt gar nichts über die Fähigkeit eines Menschen aus, innovativ zu sein. Davon abgesehen fühlen Christian Klein und ich uns sehr geehrt, in den Vorstand berufen worden zu sein. Wir sind in Deutschland aufgewachsen und haben miterlebt, wie die SAP unter beeindruckenden Führungspersönlichkeiten wie Hasso Plattner und Dietmar Hopp groß geworden ist. Heute haben wir die Chance, zusammen mit Bill McDermott und allen unseren Kollegen das Unternehmen zu weiteren Erfolgen zu führen. Was die Entwicklungsagenda betrifft, so gibt es für die SAP nur eine einzige Strategie. Christian, ich und Rob Enslin von der Cloud Business Group sind uns absolut einig, welche Lösungen wir für unsere Kunden entwickeln müssen, damit sie in dieser Erlebnisökonomie als intelligente Unternehmen erfolgreich sein können.

Chancen und Herausforderungen für SAP

Worin bestehen die größte Herausforderung und die größte Chance für die SAP?

Unsere größte Herausforderung ist es, weiterhin den Kunden im Fokus zu behalten. In der Technologiebranche ist die Versuchung groß, mit den neuesten Schlagwörtern um sich zu werfen oder den „nächsten technischen Durchbruch“ zu verkünden. Tatsache ist, dass wir hier sind, um Unternehmen dabei zu helfen, Nutzen aus Technologie zu ziehen. Das ist etwas völlig Anderes als einfach jede neue Idee zu zelebrieren. Unsere Kunden erwarten von uns, dass wir innovativ sind, aber dass wir sie auch schützen, indem wir Technologie in der globalen Wirtschaft skalierbar machen.

Unsere größte Chance liegt darin, eine Brücke zwischen Unternehmenstechnologie und dem einzelnen Nutzer zu bauen, ob das nun der Endkunde oder ein Mitarbeiter ist. Dies ist die Grenze, die die Unternehmens­technologie noch nicht überwunden hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir das schaffen und damit das Leben der Menschen verbessern. Deshalb werden wir in Zukunft mehr über die Bedeutung von Erlebnisdaten ergänzend zu den operativen Daten sprechen müssen.