KI: Wo stehen deutsche Unternehmen im Wettbewerbsvergleich?

Auf der Bitkom Business-Konferenz „hub.berlin“ demonstrierten die Hersteller den über 8000 Besuchern, was alles mit Zukunftstechnologien wie KI möglich wäre. Doch wenn es bei der Digitalisierung konkret werden müsste, sind zu viele deutsche Firmen lieber weiter vorsichtig.

Nicht nur beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), sondern generell beim Thema Digitalisierung, sind deutsche Firmen immer noch sehr zurückhaltend. Das überraschte auch Bitkom-Präsident Achim Berg. In einer von ihm während der Bitkom Business-Konferenz hub.berlin vorgestellten Umfrage unter 606 Unternehmen aller Branchen gaben aktuell gerade einmal 15 Prozent der Befragten an, dass sie einen Digital-Verantwortlichen wie einen CDO oder Leiter Digitalisierung eingesetzt haben.

Deutsche Firmen: 26 Prozent ohne digitale Strategie

Auch die weiteren Zahlen verblüffen: 26 Prozent der Befragten verfolgen demnach keinerlei Strategie zur Bewältigung des digitalen Wandels. Über eine zentrale unternehmensweite Digitalstrategie verfügt gerade einmal jedes dritte Unternehmen (33 Prozent). Nur jedes fünfte (22 Prozent) will im laufenden Jahr gezielt in die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle investieren. Rund jedes zweite (54 Prozent) hat dies in der Vergangenheit getan, stellt aber in diesem Jahr dafür keine Ressourcen bereit. Der Grund dafür? Unbekannt. Ebenfalls jeder fünfte der Befragten (21 Prozent) hat bislang noch nie in digitale Geschäftsmodelle investiert.

„Keine personelle Verantwortung, keine Zeit, kein Budget – so macht man keine Digitalisierungsstrategie“, tadelt Berg die Verantwortlichen. Immerhin: Die große Mehrheit (91 Prozent) erkennt in der Digitalisierung inzwischen in erster Linie eine Chance. Gerade einmal sieben Prozent sehen in ihr ein Risiko. Die Anzahl derjenigen, die ihre Existenz durch die Digitalisierung gefährdet sehen, ist erstmals stark zurückgegangen.

Grafik: Bitkom-Umfrage zur Digitalisierung in Deutschland

Erkenntnisse spiegeln sich nicht im Handeln

Doch nun wird es konkret. Neue Technologien werden zwar auch nach Ansicht der Befragten immer wichtiger für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. So sprechen jeweils acht von zehn Big Data (83 Prozent) und dem Internet of Things (79 Prozent) eine große Bedeutung zu, jeweils zwei Drittel sehen das für die Themen 3D-Druck (68 Prozent) und Virtual bzw. Augmented Reality (64 Prozent). Jeweils sechs von zehn halten Künstliche Intelligenz (60 Prozent), Blockchain (59 Prozent) und autonome Fahrzeuge (57 Prozent) für entscheidend. Die Erkenntnisse sind zwar da, sie spiegeln sich aber nicht unbedingt im konkreten Handeln wider.

Nur 59 Prozent der Befragten sagen, dass sie Big Data nutzen, den Einsatz planen oder zumindest darüber diskutieren. Mit deutlichem Abstand folgen Internet of Things (44 Prozent) und 3D-Druck (43 Prozent) sowie Virtual und Augmented Reality (32 Prozent). Eher abgeschlagen rangieren autonome Fahrzeuge (17 Prozent), Künstliche Intelligenz (zwölf Prozent) und Blockchain (sechs Prozent).

Grafik: Bitkom-Umfrage zu neuen Technologien wie KI

„Wenn man an die Bedeutung von Künstlicher Intelligenz als Querschnitts- und Schlüsseltechnologie denkt und an die Chancen, die eine noch sehr junge Technologie wie Blockchain bieten kann, dann muss diese Zurückhaltung verwundern“, merkt Bitkom-Präsident Berg an. Und weiter sagt er: „Verglichen mit dem Vorjahr gibt es bei KI und Blockchain trotz der breiten öffentlichen Debatte praktisch keine verstärkte Befassung.“

Das könnte beim Thema Künstliche Intelligenz auch daran liegen, dass es bei vielen offenbar immer noch Unsicherheiten darüber gibt, was sich genau dahinter verbirgt und welcher Nutzen sich daraus ziehen lässt, meint der Verband und sorgt hier selbst für Abhilfe: Um für mehr Übersicht zu sorgen, hat die Bitkom zur hub.Berlin eine Webseite mit dem „Periodensystem der Künstlichen Intelligenz“ gestartet, dass die Einsatzszenarien von KI im Unternehmen erklären soll. Die Spannbreite reicht von Spracherkennung bis zum Relationship Learning.

Übernehmen bald Amazon und Google bei KI?

Gerade mit Blick auf KI klaffen die Erkenntnis einerseits und die unternehmerische Praxis andererseits besonders weit auseinander. So sind 80 Prozent der Befragten überzeugt, dass Digitalunternehmen wie Amazon oder Google durch ihre führende Stellung bei KI zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für deutsche Kernindustrien wie die Automobilbranche werden. Fast ebenso viele (78 Prozent) sagen, dass KI als Technologie entscheidend dafür ist, ob deutsche Firmen künftig weltweit erfolgreich sind. Und 62 Prozent stellen fest: KI ist die wichtigste Zukunftstechnologie. Zugleich glauben aber 16 Prozent, dass KI keine Auswirkungen auf ihr Geschäft habe, 27 Prozent sehen KI als Risiko. Nur eine knappe Mehrheit von 53 Prozent hält KI dagegen für eine Chance.

Unter dem Dach der hub.berlin fand in diesem Jahr auch der „Big-Data.AI Summit“ statt, Die Zusammenkunft ist Europas größte Konferenz zu Künstlicher Intelligenz und der Daten-Ökonomie. „Wir brauchen in Deutschland Digitalisierung zum Anfassen. Die hub.berlin hat gezeigt, was mit neuen Technologien wie KI oder Blockchain heute schon möglich ist und wohin die Reise morgen geht“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg auf seiner Pressekonferenz. Doch wo steht Deutschland aktuell beim Thema KI und Machine Learning im Wettbewerbsvergleich?

Das Thema KI steht derzeit im Gartner Hype Cycle weit oben auf dem „Gipfel der überzogenen Erwartungen“, merkten einige Redner zu Beginn ihrer Vorträge an. Es folgen bekanntlich das „Tal der Enttäuschungen“ und der „Pfad der Erleuchtung“. Und erst danach beginnt das „Plateau der Produktivität“.

SAP-Experte fordert „kluge Regulierung“ bei Künstlicher Intelligenz

Sebastian Wieczorek, bei SAP Leiter der Leonardo Machine Learning Foundation, ist optimistischer. Das Beispiel aus seinem Vortrag „Moving to the Intelligent Enterprise“: Der Service eines österreichischen Schmuckherstellers hatte das Problem, dass täglich hunderte beschädigter Glasfiguren in seinem Service-Center ankamen. Ein Mitarbeiter musste sich diese daraufhin anschauen und mit unzähligen Modellen aus Katalogen vergleichen. Wieczorek: „Nun gibt es in Kooperation mit SAP einen Algorithmus, der die kaputten Objekte automatisch erkennen und zuordnen kann. Ein Bild reicht, und der Computer kann via Machine Learning das richtige Objekt aus dem Katalog auswählen.“

„KI hat viele Facetten“, sagt Wieczorek. „Den gesellschaftlichen, den Forschungs-Technologie- und natürlich den wirtschaftlichen Aspekt.“ Auf der Wirtschaftsseite würden im Bereich KI gerade die Marktanteile verteilt. „Wir müssen jetzt als europäische Gemeinschaft die Weichen in die richtige Richtung stellen,“ fordert der Experte. Auf der Forschungsseite sieht der Experte noch Nachholbedarf. „Hier brauchen wir mehr Anstrengungen für die richtigen Rahmenbedingungen.“ Spitzenforschung zum Thema komme nur zum Teil aus Europa. „Die USA, China, aber auch Israel, Kanada und Großbritannien haben die Nase vorn. Unser Anspruch muss sein, auch in dieser Kerntechnologie führend zu sein.“

Kluge Regulierung müsse dabei helfen, dass europäische Firmen keine Wettbewerbsnachteile erleiden, sagt Wieczorek. Denn eigentlich seien Deutschland und Europa in einer guten Position. „Wenn KI-Anwendungen gebaut werden, geht es auch darum, den Kontext und die industriespezifischen Fragen zu verstehen und nicht nur um die Technologie selbst. Und genau dort haben wir viel Expertise und sehr viele Datensätze, um die Algorithmen zu trainieren.“

Maschinelles Lernen sei auf dem besten Weg, ein fester Bestandteil der Unternehmenssoftware zu werden. Die SAP hat intelligente Anwendungen, die auf maschinellem Lernen basieren, in ihr SAP-Cloud-Portfolio integriert. Die SAP Leonardo Machine Learning Foundation deckt mit intelligenten Service-APIs den gesamten Lebenszyklus ab, vom Rohdatensatz bis hin zu sofort einsatzbereiten Anwendungen. Mit SAP Conversational AI gibt es ein durchgängiges Toolkit, um Chatbots zu trainieren, zu entwickeln und zu überwachen.

KI-Algorithmen sollen ethisch sein

Auf dem Bitkom-Kongress – auf elf Bühnen standen an zwei Tagen mehr als 350 Sprecher – war bei den Vortragenden noch viel von „Vision“ und „Proof of Concept“ die Rede. Und sehr viel wurde über die Ethik der KI gesprochen. So sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek in ihrem Vortrag: „Wir müssen verstehen, dass KI auch missbraucht werden kann. Sie verfügt nicht über Moral, sie kann Gut von Böse nicht unterscheiden. Wir Politiker sagen das kurz so: KI muss dem Menschen dienen.“

Die SAP hat bereits gehandelt und als erstes europäisches Technologieunternehmen einen Ethik-Beirat und sieben eigene Leitlinien für den Umgang mit KI festgelegt. Wieczorek ist Teil des SAP-internen Lenkungsausschusses, der firmenweit Hinweise in Bezug auf die ethische Verantwortung bei der Anwendung von KI gibt. Er ist auch Vorstandsmitglied des Arbeitskreises KI bei Bitkom, und er agiert als Gutachter für die EU-Kommission und das Forschungs- und Wirtschaftsministerium.

SAP-Experte Wieczorek freut sich über die Ethik-Diskussion: „Sie ist ein gutes Zeichen“, findet er. „Der Dialog muss stattfinden, weil er die Akzeptanz für neue Technologen schafft.“ In der Datenethikkommission der Bundesregierung, der Enquete-Kommission KI des Bundestages und der High-Level Expert Group on AI der EU-Kommission, überall gehe es aktuell darum, die Diskussionen in die Öffentlichkeit zu bringen. Wieczorek: „Wir brauchen aufgeklärte Bürger in Europa.“

Timotheus Höttges, CEO der Deutschen Telekom, hatte am ersten Tag in einem flammenden Keynote-Appell davor gewarnt, dass Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb zwischen den USA und China aufgerieben werde könnten. „Wir reden über Flüchtlinge, aber nicht über die Wettbewerbsfähigkeit von Europa. Wenn wir so weitermachen, werden wir weiter zurückfallen“, rief er. Angesichts der großen Konkurrenz aus den USA und China müsse Europa gemeinsam in Zukunftstechnologien wie KI, Quantencomputer oder Biotech-Unternehmen investieren, forderte Höttges. Und Wieczorek sieht das genauso.

Auch Bitkom-Präsident Berg redete noch einmal allen Beteiligten ins Gewissen: „KI beeinflusst alles und jeden. Die nationale KI-Strategie kann ein Hebel sein, dieses Bewusstsein weiter zu entwickeln. Damit dies gelingt, müssen wir bei der Umsetzung vorankommen und dürfen uns nicht in politischen Klein-Klein-Diskussionen und Etatstreits verlieren.“

Bilder via Bitkom

Die nächste Bitkom-Konferenz hub.berlin findet am 1. und 2. April 2020 statt.

Erfahren Sie hier mehr über Software und Anwendungen für KI und maschinelles Lernen: https://www.sap.com/germany/products/leonardo/machine-learning.html
https://news.sap.com/germany/2018/09/ethische-grundsaetze-kuenstliche-intelligenz/