Hyperautomatisierung: Die ewige Suche nach einem Sinn im Leben

Das neue Jahrzehnt hat der Geschäftswelt neue Herausforderungen beschert – und neue Modewörter wie „Hyperautomatisierung”. Entscheidungen werden immer öfter Maschinen überlassen, und angesichts rasanter technologischer Entwicklungen können künftig alle Unternehmen intelligente Funktionen nutzen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu sichern.

Schätzungen zufolge wird die IT-Automatisierung bis 2022 um 41 Prozent pro Jahr zunehmen. Im gleichen Zeitraum dürften 8 Milliarden Menschen weltweit Sprachassistenten nutzen (doppelt so viele wie 2019). Der bis 2022 durch KI und maschinelles Lernen generierte Geschäftswert wird mit 3,2 Billionen US-Dollar beziffert.

Deshalb müssen sich Unternehmen, die sich einen Wettbewerbsvorteil sichern und Rentabilitätsrückgänge umkehren wollen, mit dem Thema „Hyperautomatisierung“ befassen. Dieses zählt Gartner zu einem der zehn wichtigsten strategischen Technologietrends 2020, auch wenn der Begriff noch keinen Einzug in die Wörterbücher gehalten hat.

Der Werdegang der Automatisierung

Auch wenn der Begriff „Automatisierung“ offiziell 1946 geprägt wurde, hat er seinen Ursprung tatsächlich vor Tausenden von Jahren mit der Erfindung der Töpferscheibe, die es ermöglichte, schneller und mit weniger Aufwand bessere Tonwaren in größerer Menge herzustellen. Später, während der Industrialisierung, wurde die Produktion in Fabriken und mit Maschinen automatisiert. Die Menschen konnten dadurch anstelle der ineffizienten manuellen Arbeiten vermehrt sichere, wertschöpfende Aufgaben übernehmen.

Als nächster Meilenstein brachte die IT-Revolution die Verlagerung von der analogen Elektrotechnik auf die digitale Technologie, die eine weite Verbreitung von digitaler Informationsverarbeitung, Kommunikation und Datenhaltung mit sich brachte. Damit etablierten sich Softwarelösungen in der Geschäftswelt als neue Norm, einhergehend mit einem Maximum an Effizienz, Geschwindigkeit und Qualität.

Breitband und mobile Geräte haben die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren und in Verbindung bleiben, verkaufen, einkaufen, soziale Kontakte pflegen, uns ausdrücken, arbeiten usw., grundlegend verändert. Allerlei globale Social-Media- und Geschäftsplattformen haben dazu beigetragen, indem sie die Hürden von Entfernung, Sprache und Kultur eingerissen haben. Unser Wunsch, nichts zu verpassen und immer erreichbar zu sein, hat aus dem guten alten Telefon ein Gerät voller Möglichkeiten gemacht. Und damit kann jeder von uns dieser Zeit einen ganz neuen Sinn abgewinnen.

Der nächste Meilenstein

In den letzten zehn Jahren standen intelligente Handheld- und Wearable-Geräte im Rampenlicht. Doch zugleich blieben zahlreiche Routineaufgaben genau das: Routineaufgaben, die viel Zeit kosteten und fehleranfällig waren. Dazu gehörten etwa Shared-Services-Funktionen, die Abwicklung von Versicherungsansprüchen, Spesenabrechnungen, das Führen von Patientenakten, Call-Center-Funktionen oder die Übersetzung von Manuskripten.

Heute ist die Rechenleistung so hoch und sind so enorme Mengen an Daten und Inhalten verfügbar, dass Software denken, entscheiden, differenzieren, diagnostizieren, Vorschläge machen, Prognosen abgeben und handeln kann. Und das ist längst noch nicht alles. Die persönlichen und punktgenauen Vorschläge, die wir von Social-Media-Apps erhalten, überraschen uns schon lange nicht mehr. Im Sicherheitsbereich sind Gesichts- und Gesichtsausdruckserkennung die neue Norm. In der Industrie haben sich die sich selbst wartenden, hypervernetzten intelligenten Geräte, Transportmethoden und Maschinen als Standard etabliert. In der Kommunikation und in der Textverarbeitung sind Schreib- oder Handlungsvorschläge anhand des Kontexts einer E-Mail längst Standardfunktionen. Und in Betriebssystemen für Mobilgeräte ist eine auf Benachrichtigungen basierende persönliche Automatisierung ohne Auslöser gängig. Kurzum: Wir befinden uns bereits mitten in der Welle der Automatisierung.

Von der Automatisierung zur „Hyperautomatisierung“

Der Drang, intelligente Anwendungen der neuesten Generation zu nutzen – und zwar nicht nur zum Automatisieren von Routineaufgaben, sondern auch für kognitive Aufgaben. Hierzu zählen Entscheidungsfindung, Faktenermittlung, Diagnose, Handeln, Vorschläge und die Gewinnung neuer Erkenntnisse, um massive Skaleneffekte, Präzision und Qualität zu erreichen. Das alles definiert den Begriff „Automatisierung“ ganz neu. Deshalb sprechen wir heute von „Hyperautomatisierung“.

Diese basiert auf dem Einsatz einer breiten Palette von Technologien wie robotergesteuerter Prozessautomatisierung (RPA), maschinellem Lernen (ML), der Verarbeitung natürlicher Sprache (NLP), Workflows usw. in einem Maßstab, der jeden Aspekt des menschlichen Lebens berühren und grundlegend verändern wird. In dieser neuen Normalität können sich Arbeitnehmer auf sinnvolle Aufgaben konzentrieren, und die Unternehmen profitieren in erheblichem Maße von Rentabilitätssteigerungen, einem besseren Kundenerlebnis, effizienteren Prozessen und Kosteneffizienz. All dies dank der Hyperautomatisierung.

Willkommen in der Welt der Hyperautomatisierung

Die globalen Märkte des neuen Jahrzehnts werden über die traditionellen Indizes auf Grundlage von Marktkapitalisierung und Sektor hinausblicken und neue Indizes entwickeln. Dabei werden der Grad der Hyperautomatisierung, das Kundenerlebnis, der Einsatz für gesellschaftliche Ziele usw. berücksichtigt werden. An diesen Indizes werden sich Investoren künftig bei ihren Investmententscheidungen orientieren. Die Arbeitnehmer der Zukunft werden nicht mehr für Unternehmen arbeiten wollen, die in diesen Indizes schlecht dastehen. Auch das Finanzergebnis der Unternehmen wird von diesen Faktoren abhängig sein.

In jedem Geschäftsbereich wird es eine Kategorie von wertschöpfenden Aufgaben geben, die den Menschen vorbehalten sind. Ihre digitalen Zwillinge werden derweil Aufgaben ohne Wertschöpfungspotenzial übernehmen und dabei Qualität, Präzision und Umfang verbessern.

Ein Arzt beispielsweise kann sich von einem digitalen Zwilling helfen lassen, Folgerezepte auszustellen oder allgemeine Medikationen zu verwalten. Der digitale Zwilling kann Patientengespräche digitalisieren, Untersuchungsergebnisse zusammentragen und anhand der Ergebnisse bildgebender Verfahren, der Medikation und der Daten zum Lebensstil des einzelnen Patienten Krankheiten diagnostizieren oder prognostizieren. Kürzlich haben Forscher einen Deep-Learning-Algorithmus so trainiert, dass er Brustkrebs in Mammografieaufnahmen mindestens so genau wie ein Radiologe erkennt. Das ist ein Durchbruch, der hilft, Fehldiagnosen zu vermeiden, den Mangel an Radiologen abzumildern und hochwertige Gesundheitsdienstleistungen rund um die Uhr erschwinglicher und in größerem Maßstab nutzbar zu machen.

Ein anderes Beispiel: Personalverantwortliche können einen digitalen Zwilling Aufgaben wie Urlaubsbearbeitung, Zeit- und Aufwandsgenehmigung usw. übernehmen lassen. Außerdem kann der digitale Zwilling Empfehlungen zu Gehaltserhöhungen, Beförderungen oder Weiterbildungsmöglichkeiten je nach Beschäftigungshistorie und Leistung abgeben, ohne dass die Gefahr von Befangenheit oder Diskriminierung besteht. Die Personalverantwortlichen selbst können sich dann darauf konzentrieren, das Mitarbeiterengagement zu fördern, die Motivation zu verbessern und neue Möglichkeiten für das Team zu finden. Was aber Gehaltserhöhungen und Beförderungen betrifft, so haben Umfragen ergeben, dass die Arbeitnehmer einem digitalen Zwilling mehr vertrauen als einer menschlichen Führungskraft.

Jetzt handeln und Möglichkeiten von Hyperautomatisierung nutzen

Mit jeder neuen Norm auf dem Weg der Automatisierung haben wir uns besser organisiert. Neue Technologien wie RPA, maschinelles Lernen und intelligente Anwendungen eröffnen uns wieder neue Möglichkeiten. Unternehmen haben enorme Möglichkeiten, die Hyperautomatisierung in ihren Prozessen zu nutzen und ihren Stakeholdern einen Mehrwert, ihren Kunden bessere Erlebnisse, ihren Beschäftigten sinnvollere Aufgaben und der Menschheit sinnvollere Jobs zu bieten.

Die Geschichte zeigt, dass es für Unternehmen fatal sein kann, sich neuen Trends zu verschließen. Die Menschheit hat einen unbezwingbaren Drang, sich weiterzuentwickeln und etwas Sinnvolles zu tun – weshalb unsere Spezies gedeiht. Unsere Suche nach einem Sinn im Leben wird niemals enden.