Sicherer aus dem Lockdown mit KI und Blicksteuerung

Nach aktuellen Schätzungen der US-Regierung könnte es bis zum 1. Juni 200.000 neue Coronafälle in den USA geben. Derweil versuchen Regierungen in aller Welt, Wege zu finden, um Geschäfte, Schulen und öffentliche Einrichtungen gefahrlos wieder zu öffnen. Technologien auf Basis von KI (Künstlicher Intelligenz) könnten dabei helfen.

Technologieunternehmen überbieten sich darin, die Lücke mit Software zu schließen, die den Menschen Sicherheit geben soll, während sie versuchen, sich im Labyrinth der Lockerungsbestimmungen zurechtzufinden. Ein bekannter Ansatz sind Kontaktverfolgungs-Apps für Smartphones, die von Technologie- und Telekommunikationsunternehmen entwickelt werden. Diese Apps warnen die Nutzer, wenn sie sich in der Nähe einer infizierten Person aufgehalten haben.

Blicksteuerung mit KI zur Vermeidung kontaminierter Oberflächen

Und auch andere Technologien können hilfreich sein. Wenn Unternehmen und Institutionen ihren Betrieb wieder aufnehmen, müssen sie vieles anders machen als früher. Eine neue Technologie namens „Blicksteuerung“ hilft den Menschen, die Berührung von Oberflächen, die mit dem Virus kontaminiert sein könnten, etwa Touchscreens von Geldautomaten oder Ticketautomaten, zu vermeiden.

Stephan Odörfer ist Gründer und Geschäftsführer des Münchener Start-ups 4tiitoo, ausgesprochen „fourty-two“, also „42“, das Blicksteuerungstechnologie entwickelt. Einfach ausgedrückt, ist das eine Technologie, die es den Menschen ermöglicht, über die Augen mit Computern zu interagieren. Und damit müssen sie Tastatur, Maus oder Touchscreen nicht mehr berühren.

Tech That Will Help Us Reopen

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4tiitoo hat die Blicksteuerung mit künstlicher Intelligenz (KI) kombiniert, um Muster in der Augenbewegung zu analysieren und vorherzusagen, was die Nutzer auf einem bestimmten Anzeigebild oder in einer bestimmten Anwendung als Nächstes tun möchten.

„Die Blicksteuerung ermöglicht zwei Dinge: Die Nutzer können den Computer steuern, und wir können erkennen, was die Nutzer eigentlich tun möchten“, erklärt Odörfer. „Wenn wir verstehen, was die Nutzer wollen, können wir sie vorausschauend unterstützen.“

So hat 4tiitoo beispielsweise eine Technologie namens NUIA entwickelt, die lernt, wie ein Nutzer ein Dateneingabeformular liest und bedient. Mit dieser Information und der Blickposition des Nutzers „klickt“ die Lösung automatisch in das nächste Feld, ohne dass der Nutzer die Maus anfassen muss. Auch die Sprachtechnologie ist in diese Lösung integriert, sodass die Informationen auch direkt in die Datenfelder diktiert werden können, statt sie einzugeben.

Kontaktlose Eingabe statt Touchscreens

Es gibt unzählige Anwendungsmöglichkeiten für berührungslose Technologien.

Davon können beispielsweise die besonders gefährdeten Mitarbeiter von Fertigungsunternehmen profitieren. 4tiitoo nahm 2018 an SAP.iO Foundries teil. Seitdem arbeiten die beiden Unternehmen gemeinsam daran, Produktionshallen und Büros effizienter und ergonomischer zu gestalten. Diese Projekte sind heute dringlicher und wichtiger als je zuvor, denn schließlich müssen die Gesundheit und die Sicherheit der Arbeitnehmer, die an die Produktionslinien zurückkehren, jetzt besonders geschützt werden. Die Blicksteuerung bewahrt Arbeitnehmer davor, für die Dateneingabe ihre Schutzhandschuhe ausziehen oder stundenlang Touchscreens desinfizieren zu müssen, um sich vor einer Infektion zu schützen.

Auch ambulante medizinische Einrichtungen und Krankenhäuser können davon profitieren. „Da kommen mehr infizierte Menschen zusammen, sodass das Infektionsrisiko höher ist“, betont Odörfer. „Deshalb ist es hilfreich, ein Gerät mit Touchscreen gezielt mit den Augen steuern zu können.“ Da die Lösung intuitiv und benutzerfreundlich ist, hofft Odörfer, einen hohen anfänglichen Lernaufwand zu vermeiden, denn dieser hemmt in der Regel die Verbreitung neuer Technologien.

Technologien wie KI, Blockchain und IoT helfen im Umgang mit der Pandemie

David Judge, Vice President of Intelligent Enterprise Solutions bei der SAP, teilt diese Ansicht. Er glaubt, die Pandemie könnte die Verbreitung von Technologien wie KI, Blockchain, Internet der Dinge (IoT) und maschinellem Lernen beschleunigen.

Vor der Pandemie wagten die Unternehmen laut Judge gerade erst die ersten vorsichtigen Schritte mit diesen Technologien, die sich nun für die Erholung der Wirtschaft als enorm wichtig erweisen können.

„Die Zeiten, in denen sie sich an der Peripherie halten konnten, sind vorbei. Heute müssen die Unternehmen das gesamte Kundenerlebnis neu gestalten, denn sie können die Wünsche ihrer Kunden nicht mehr auf dieselbe Art und Weise erfüllen wie vor der Pandemie“, führt er aus. „Es gibt jede Menge interessante Anwendungsmöglichkeiten für diese Technologien, die man heute mit anderen Augen und mit einem Gefühl der Dringlichkeit betrachtet.“

Das betrifft zum Beispiel Sportveranstaltungen, bei denen man ganz neue Möglichkeiten finden muss, um mit dem Publikum zu interagieren und das Stadionumfeld zu managen. „Wir müssen neue Wege finden, damit die Menschen bei öffentlichen Veranstaltungen Spaß haben können“, betont Judge. „Es wird neue Abläufe geben – neue Sensoren, neue Möglichkeiten, um die Bewegungen der Besucher bei solchen Veranstaltungen nachzuverfolgen. Es gab schon vorher viele Unternehmen, die das wollten, aber jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei.“

Schutz personenbezogener Daten dank Blockchain

Allerdings werfen diese Technologien, mit denen personenbezogene Daten nachverfolgt und gesammelt werden, datenschutzrechtliche Bedenken auf. Als in Europa ansässiges Unternehmen hat 4tiitoo seine Produkte so gestaltet, dass sie die strengen Auflagen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union erfüllen. Doch bei der Kontaktnachverfolgung werden, wie Judge zu bedenken gibt, persönliche Gesundheitsdaten gesammelt. Seiner Meinung nach kann die Blockchain-Technologie – ebenso wie traditionelle Verfahren für Datenverwaltung und Cybersicherheit – zum Schutz personenbezogener Daten beitragen. Und trotzdem: „Das wird noch eine große Herausforderung“, meint er.

Aber Judge ist und bleibt optimistisch, dass intelligente Technologien immer schneller Verbreitung finden werden. Und das hat zwei Gründe: „Erstens wird die Pandemie den Übergang von den bisherigen Geschäftsmodellen zu denen der Zukunft befeuern.“ Beispielsweise müssen Callcenter, in denen die Mitarbeiter eng nebeneinander sitzen, sichere Möglichkeiten zur Entgegennahme von Anrufen finden. Da bieten sich intelligente Technologien wie Chatbots an. Zweitens werden Unternehmen künftig nach Wegen suchen, um mithilfe von Daten schneller fundierte Geschäftsentscheidungen zu treffen und zugleich manuelle Aufgaben zu automatisieren und zu beschleunigen. „Beide Ambitionen werden wir bedienen, indem wir die Entwicklung weiter befeuern“, kündigt Judge an.

Weitere Informationen:

Hören Sie dazu das vollständige Interview.