Das Lieferkettengesetz und die Verantwortung der Unternehmen

Ab 1. Januar 2021 müssen europäische Unternehmen, die mit Konfliktmaterialien arbeiten, gewissen soziale und ökologische Standards nachweisen. Wie sich dieses Lieferkettengesetz umsetzen lässt, erläutert Dr. Martin Kotula, SAP Vice President, der Kunden in Digitalisierungs- und Transformationsfragen im Bereich des Ausgabenmanagements unterstützt, in seinem Blog.

In letzten Tagen und Wochen war das geplante Lieferkettengesetz omni-präsent in deutschsprachigen Medien. Die Bundesregierung um Entwicklungsminister Gerd Müller und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil wollen demnach Menschenrechte wie Kinderarbeit, Ausbeutung oder Diskriminierung schützen. Dazu soll die freiwillige Verpflichtung von Unternehmen in ein verbindliches Gesetz umgewandelt werden.

Die Situation ist ernst, laut UNICEF befinden sich derzeit über 73 Millionen Kinder in schlimmsten Formen der Kinderarbeit, sei es Sklaverei, Zwangsarbeit, Kindersoldaten oder Kinderprostitution. Zudem erhöht die aktuelle COVID-Pandemie die Kinderarbeit, da Einkommen in Familie durch Jobverluste sinken und Prognosen nach, wird die Zahl bis 2025 auf 121 Millionen arbeitende Jungen und Mädchen steigen.

Lieferkettengesetz schafft rechtlichen Rahmen für soziale und ökologische Standards

Laut einer von der Bundesregierung initiierten Umfrage würden deutlich weniger als 50 Prozent der befragten deutschen Unternehmen dieser freiwilligen Selbstverpflichtung überhaupt nachkommen.

Zum einen gibt es eine Gruppierung von Unternehmen – darunter Tchibo, Nestle, Rewe, Alfred Ritter – die sich jetzt schon an die geplanten Standards halten und eine weitreichende Regelung begrüßen. Zum anderen halten viele Unternehmen eine zunehmende Regulierung sowie die Haftungsfrage für problematisch oder gar wettbewerbsschädigend. In anderen Ländern wie USA, Frankreich oder Niederlande sind ähnliche Gesetzesvorhaben mit der entsprechenden Verpflichtung für Unternehmen jedoch bereits umgesetzt worden. Eine gesetzliche Folge ist also sehr wahrscheinlich. Ohnehin tritt zum 1. Januar 2021 eine neue EU-Verordnung in Kraft, die ebenfalls den Schutz von Menschenrechten und Kinderarbeit in Industrien mit Konfliktmaterialien (wie Zinn, Wolfram, Tantal und Gold) sicherstellen soll. Dabei nimmt sie europäische Unternehmen in die Pflicht. Insbesondere soll dadurch der illegale Handel von Rohstoffen, Zwangsarbeit, Geldwäsche und bewaffnete Gruppierungen gestoppt werden. Dies betrifft die deutsche Industrie nicht in vollem Umfang, allerdings müssen betroffenen Firmen reagieren.

Allgemein ist es fraglich, wie Unternehmensverantwortliche, Geschäftsführer oder Einkaufsleiter sicherstellen können, dass beim jeweiligen Lieferanten im Ausland soziale und ökologische Standards eingehalten werden.

Mehr Transparenz im Lieferkettengesetz

SAP kann genau an dieser Stelle Unternehmen unterstützen und dabei Lieferketten transparenter gestalten. Zum einen ist es wichtig, im Prozessschritt der Lieferantenauswahl eine mehrstufige Lieferantenqualifizierung einzuführen. Dieser Prozess wird in aller Regel im strategischen Einkauf (Sourcing) umgesetzt, bei denen Unternehmen beispielsweise mit SAP Ariba Sourcing oder Supplier Lifecylce Management umsetzen können. Hinzu kommen regelmäßige interne oder externe Lieferantenaudits durchzuführen. Diese werden ebenfalls über das SAP Ariba Portfolio abgedeckt. Interactive und stärkere Ad-hoc-Abfragen beim Lieferanten oder bei den Mitarbeitern könnten in anonymisierter Weise beispielsweise über Qualtrics abgedeckt werden. So könnten von einer potenziellen Ausbeutung betroffene Mitarbeiter einen Missstand anonym aufzeigen. In vielen Fällen erfolgt die strategische Lieferantauswahl einmalig für einen gewissen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Diese Standards lassen sich aus der Ferne durchaus sehr schwer kontrollieren. Hier könnten beispielsweise externe Partner oder lokale Agenturen die Unternehmen vor Ort zusätzlich unterstützen.

In der transaktionalen Abwicklung, also in der operativen Beschaffung, sind im Wesentlichen drei Prozesse entscheidend:

  1. Risiko Management
  2. Supply Chain Transparenz
  3. Traceabilty

Mit einer Risiko Management Software können Lieferanten-Ereignisse, Rankings oder externe Partnerinformationen mit ggf. Audits (bspw. Ecovadis) aktiv überwacht werden. So wird in jedem Fall sichergestellt, dass ein Einkaufsleiter stets über seine Lieferantenbasis und potenzielle aufkommenden Risiken in der Supply Chain informiert ist. Mit dem SAP Business Network stellen wir sicher, dass globale Lieferungen stets transparent und nachvollziehbar sind. In Kombination mit der Blockchain-Technologie können wir den Ursprung von verschiedenen Partnern entlang der Wertschöpfungskette nachvollziehen. Ein Päckchen oder Container lassen sich fälschungssicher verschlüssel, labeln und mittels Blockchain parametrisieren. Diese lückenlose Dokumentation zeigt dem Einkäufer, dass eine Bestellung tatsächlich vom Lieferanten einer bestimmten Mine versandt wurde. So haben bereits einige Automobilhersteller begonnen, eine Blockchain-Technologie als Folge einer Industrieinitiative einzusetzen. Sie kaufen so verantwortungsbewusst strategische Materialien ein und sichern zudem neben Nachhaltigkeit und Transparenz auch Effizienz.

Die Verantwortung für Unternehmen ist sicherlich sehr hoch, ethisch, moralisch, sozial und monetär. Software alleine kann diese nicht abnehmen. Allerdings bieten die heutige Technologie und etablierte Standards wichtige technische und digitale Unterstützung, um dieser Verantwortung nachzukommen. Dabei entsprechen sie gesetzlichen Vorgaben und ermöglichen den Endkonsumenten Transparenz in den Lieferketten.