Wie Profitabilität und Nachhaltigkeit zusammenhängen

Bei SAP sprechen wir oft über den Zusammenhang zwischen Profitabilität und Nachhaltigkeit und fragen uns: „Sind Unternehmen, die nachhaltiger sind, auch profitabler?“ Denkt man weiter darüber nach, muss man sich eher die Frage stellen: „Kann ein Unternehmen, das nicht nachhaltig ist, langfristig erfolgreich sein?“

Unternehmen, die sich heute zu Nachhaltigkeit verpflichten, werden auch morgen wettbewerbsfähig und relevant bleiben. Um den Zusammenhang zwischen Profitabilität und Nachhaltigkeit näher zu ergründen, müssen wir den Betrachtungszeitraum, die Art und Weise, wie wir Erfolg definieren, und die Methode, wie wir den Wert eines Unternehmens messen, berücksichtigen. Denn diese Faktoren tragen zu einem schnelleren Paradigmenwechsel von Gewinnmaximierung zu Wertoptimierung bei.

Nachhaltigkeit: eine Investition in die Zukunft

In der Erholungsphase von der COVID-19-Pandemie müssen sich Unternehmen auf die kurzfristige finanzielle Profitabilität und die Maximierung des Shareholder Value konzentrieren. Gleichzeitig müssen sie aber auch ökologische und soziale Faktoren berücksichtigen, die sich auf den Geschäftserfolg in der Zukunft auswirken könnten. Es läuft auf die Frage hinaus: „Kann ein Unternehmen, das nicht nachhaltig ist, langfristig erfolgreich sein?“

Glücklicherweise besteht selbst kurzfristig ein klarer Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Profitabilität. Beispielsweise verbessern Online-Meetings, anstatt Geschäftsreisen, die Nachhaltigkeitsbilanz und senken Reisekosten. Bei der SAP haben Klimaschutzmaßnahmen in den letzten drei Jahren zu einer Kostenvermeidung in Höhe von 354,3 Mio. Euro beigetragen. 92 Prozent davon haben wir allerdings 2020 vermieden, als wir gezwungen waren, unsere bisherigen Geschäftspraktiken zu überdenken. Dies zeigt, welche immensen Möglichkeiten es gibt, Verbesserungen im großen Stil zu erreichen.

Dennoch kann Nachhaltigkeit es manchmal erforderlich machen, dass man heute in die langfristige Profitabilität eines Unternehmens investieren muss. Selbst wenn Kosten entstehen, die sich erst später auszahlen. Unternehmen machen bereits jetzt viele Investitionen in der Hoffnung, zu einem späteren Zeitpunkt davon zu profitieren. Etwa in Marketingkampagnen oder einen zusätzlichen freien Tag für ihre Mitarbeitenden, um ihre Motivation zu erhöhen, ihr Wohlbefinden zu verbessern sowie ihre Produktivität zu steigern. Ein weiteres Beispiel für eine Investition, von der man erst später profitiert, sind Mitarbeiterschulungen.

2019 hat sich die SAP der Value Balancing Alliance (VBA) angeschlossen. Ziel ist es besser zu verstehen, wie groß der gesamte Beitrag unseres Unternehmens im Bereich Nachhaltigkeit ist. Darauf werde ich im weiteren Verlauf näher eingehen. Laut VBA hatten die weltweiten Schulungsprogramme für unsere Mitarbeitenden einen Wert von 1,3 Mrd. Euro. Ein Großteil dieser Investition wird sich aber erst Jahre später bei der Produktivität, Bindung und Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden zeigen.

Wenn man den Geschäftserfolg über einen größeren Zeitraum betrachtet, kann man strategischere Entscheidungen treffen, die das Unternehmen nicht nur heute, sondern auch morgen und in den kommenden Jahren auf Erfolgskurs bringen.

Ganzheitliche Sicht: Erfolg neu definieren

Langfristige Profitabilität und Nachhaltigkeit bieten die Möglichkeit bisherige Definitionen für Geschäftserfolg in Frage zu stellen. Gewinnmaximierung und eine Steigerung des Shareholder Value werden allein nicht mehr ausreichen. Das Konzept des Shared Value ist eine alternative Möglichkeit, Erfolg zu definieren. Dabei nutzt man die Kerngeschäftsprozesse, um gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben.

Im Konzept der Harvard Business School „Sustainable Business Strategy “ zeigt das „Wheel of Change“, wie durch Shared Value umfassende Transformationen in ganzen Branchen entstehen.Wenn Unternehmen durch legitime, innovative Praktiken „erfolgreich sind und Gutes bewirken“, kann dies zu einer Zusammenarbeit in der ganzen Branche führen. Dadurch kann das Verhalten von Verbrauchern, Investoren und des Staates verändert werden. Dies kann Unternehmen ermutigen, nachhaltigere Praktiken einzuführen und letztlich Erfolg neu zu definieren, sodass die gesamte Wertschöpfung eines Unternehmens berücksichtigt wird.

Das Verhalten von Verbrauchern, Investoren und des Staates spielt eine entscheidende Rolle. Sie müssen vom privaten Sektor einfordern, Verantwortung zu übernehmen und das Konzept das Shared Value an oberste Stelle zu stellen. Denn Verbraucher wollen Unternehmen unterstützen und Mitarbeiter für Unternehmen arbeiten, die sich ein ganzheitliches Ziel gesetzt haben. Investoren fordern, dass Unternehmen nicht nur ihre finanzielle Leistung offenlegen, sondern auch ihre Leistung in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und Governance (ESG), um Risiken richtig einschätzen und Investitionsentscheidungen treffen zu können. Und Regierungen führen zunehmend klimaschutzbezogene Vorschriften, Steuern und Richtlinien, Arbeitssicherheitsvorschriften, Regelungen für eine erweiterte Herstellerverantwortung, Antidiskriminierungsgesetze und vieles mehr ein.

Für Unternehmen wird es entscheidend sein, ihre Leistung ganzheitlich zu betrachten. Sowohl ihre positiven als auch negativen Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft sowie Umwelt zu berücksichtigen. Untersuchungen zeigen, dass ein starker Zusammenhang zwischen ESG-Leistung und operativer Leistung besteht.

Nachhaltigkeit messen für unternehmerischen Erfolg

Wenn man Erfolg neu definiert und Nachhaltigkeit mit einbezieht, braucht man Messungen, die dieses Leistungselement erfassen. Damit Führungskräfte die richtigen Entscheidungen treffen und die Strategie für den langfristigen Erfolg eines Unternehmens festlegen können, brauchen sie Zugriff auf umfassende Daten und Kennzahlen, die über die reinen Finanzkennzahlen hinausgehen. Dies ermöglicht eine ganzheitliche Steuerung und Berichterstattung. Zudem bietet es die erforderliche Transparenz, um negative ESG-Auswirkungen zu mindern und positive ESG-Auswirkungen zu steigern.

Wie bereits erwähnt, ist die SAP der VBA beigetreten, um zu verändern, wie Unternehmen ihre gesellschaftlichen Auswirkungen messen und bewerten. Die VBA entwickelt und testet Methoden, die den Auswirkungen jeder Entscheidung einen monetären Wert zuweisen und ökologische sowie gesellschaftliche Auswirkungen in vergleichbare Finanzdaten umwandeln. Die VBA stattet Entscheidungsträger mit dem Wissen aus, um bewusst zu entscheiden und zu handeln.

Profitabilität ist eine notwendige Voraussetzung für Nachhaltigkeit, reicht aber allein nicht aus. Unternehmen können positive Auswirkungen auf den Planeten und die Menschen haben, jedoch nicht, wenn begrenzte planetare Ressourcen zur Neige gehen. Leider entsprechen die Ressourcen der Erde nicht den Verdienstzyklen oder Amtszeiten der Unternehmenschefs – und früher oder später werden wir unter den Folgen leiden.

Paul Polman hat dies früh erkannt und für Unilever den Sustainable Living Plan (SLP) ins Leben gerufen. Er soll dafür sorgen, dass sein Unternehmen auch in 50, 100 oder 200 Jahren noch besteht. Der SLP hat den Fokus von Unilever verändert: Statt sich nur auf gute Quartalsergebnisse für die Investoren zu konzentrieren, stehen auch die Auswirkungen des Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft im Vordergrund. Und Kering hat eine Gewinn- und Verlustrechnung für die Umwelt entwickelt, um seinen ökologischen Fußabdruck messen und monetär bewerten zu können. Dieses Messverfahren ermöglicht eine ganzheitliche Herangehensweise beim Reporting, die Orientierungshilfe bei Geschäftsentscheidungen bietet und auf natürliche Ressourcen achtet.

Unilever und Kering sind sich dessen bewusst, dass die erfolgreichen Unternehmen der Zukunft diejenigen sein werden, die heute Nachhaltigkeit in ihr Kerngeschäft integrieren.

Indem wir die Entwicklung langfristig betrachten, Erfolg neu definieren und unsere Messmethode anpassen, können wir einen Paradigmenwechsel von Gewinnmaximierung zu Wertoptimierung anstoßen und den Status quo in unseren eigenen Unternehmen und weltweit verändern. Innovationen, Veränderungen von Geschäftsmodellen und branchenübergreifende Zusammenarbeit werden diesen Wandel vorantreiben. Unabhängig davon, wo Ihr Unternehmen heute steht, gilt: Dieser Wandel ist ein Prozess.

Vielleicht sind Sie noch nicht soweit, aber es ist an der Zeit sich auf den Weg zu machen. Aber auch diese Frage in den Mittelpunkt zu stellen: „Kann ein Unternehmen, das nicht nachhaltig ist, langfristig erfolgreich sein?“

Wir bei SAP sind der Ansicht: nein.


Daniel Schmid ist Chief Sustainability Officer der SAP SE.