Digitale Plattformen als Motor der Digitalisierung

Es zeichnet sich ab, dass die Ära der monolithischen, On-Premise betriebenen IT-Systeme ihren Horizont überschritten hat. Immer öfter setzen Unternehmen für neue Applikation oder Erweiterungen der bestehenden Anwendungslandschaft digitale Plattformen ein. Auch die historisch gewachsenen ERP-Landschaften bleiben davon nicht unberührt.

Es ist keine Frage, dass sich die IT-Landschaften der Unternehmen in einer Phase des rasanten Umbruchs befinden – und digitale Plattformen dabei eine herausragende Rolle spielen. Müßig die Diskussion, ob es sich dabei um eine „disruptive“ Veränderung handelt, oder ob sich die Ablösung der vorhandenen Infrastrukturen evolutionär vollzieht. Sicher ist: Die historisch gewachsenen IT-Landschaften sind den Anforderungen der digitalen Transformation nicht gewachsen und müssen ersetzt oder so modernisiert werden, dass sie den kürzeren Entwicklungszyklen und dem höheren Tempo einer digitalen Ökonomie gerecht werden.

„Die erfolgreichsten CIOs entwickeln die IT in ihrer Gesamtheit neu und schaffen neue digitale Plattformen mit agiler Vernetzung. Sie modernisieren und optimieren gleichzeitig, um den Ballast veralteter Systeme loszuwerden“, schreiben die Analysten von IDC in ihrer „CIO Agenda – Prognosen für 2019“. Danach werden bis 2021 rund 70 Prozent der CIOs, getrieben von den Anforderungen der Branche, “agile Konnektivität” über APIs und Architekturen bereitstellen, die digitale Lösungen von Cloud-Anbietern, Systementwicklern, Start-ups und anderen Anbietern miteinander verbinden.

Überall stehen die ERP-Systeme im Zentrum der Enterprise-IT und damit im Fokus der Veränderungen. In dem Positionspapier „Digitale Plattformen und ERP“ hat der Hightech-Branchenverband Bitkom untersucht, welche Auswirkungen Plattform-Konzepte auf die ERP-Landschaften der Anwenderunternehmen haben. Das Fazit der Bitkom-Experten fällt eindeutig aus: „Die Digitale Transformation führt zu starken Veränderungen in der ERP-Welt. Der Trend geht klar weg von den zentralen monolithischen Systemen hin zu vernetzten digitalen Plattformen.“

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Unterschiedliche B2B-Plattformen – von IaaS bis zum Marktplatz

Dabei sind die Typen und Architekturen von Plattformen im B2B-Bereich zahlreich und unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht voneinander. Die Bitkom-Autoren teilen die Plattform-Typen in folgende Kategorien ein:

  • Infrastruktur-Services (Infrastructure-as-a-Service, IaaS): Infrastruktur-Angebote aus der Cloud, um bestehende Applikationen zu betreiben (wie etwa ERP-Systeme auf MS-Azure oder Amazon Web Services)
  • Plattform-Services (Platform-as-a-Service, PaaS): Cloud-Dienste für die Entwicklung und den Betrieb von Anwendungen; dabei kann es sich sowohl um Laufzeitumgebungen (z.B. Application Server, Datenbanken, Container) als auch um unterstützende Services oder auch klassische Entwicklungsumgebungen handeln.
  • Software-as-a-Service (SaaS): Software-Anwendungen aus der Cloud; die Angebote reichen von stark fokussierten Apps (z. B. Zeiterfassung, Belegerfassung für Reisekostenabrechnungen etc.) über Lösungen für einzelne Fachbereiche (z. B. Rechnungswesen, Zahlungsabwicklung oder Reisemanagement) bis hin zu kompletten ERP-Suiten.
  • Spezialisierte Plattform-Dienste: Hierzu gehören unter anderem Funktionsmodule für IoT-Dienste, Blockchain, Künstliche Intelligenz (KI) oder Business Analytics, aber auch Services zur Automatisierung und Steuerung von Geschäftsprozessen sowie Integrationsdienste zur Anbindung vor- und nachgelagerter Teilnehmer in der Wertschöpfungskette.
  • Marktplatz: Zusammenführung von Angebot und Nachfrage möglichst vieler Unternehmen. Zum Service zählt die Verwaltung der einzelnen Produkte und Dienste (Daten, datenbasierte Services und Apps) ebenso wie die Integration und Zugangsverwaltung von Kunden und Käufern sowie die Unterstützung bei der Abwicklung der einzelnen Transaktionen. (z.B. SAP Ariba, Microsoft AppSource)

Diese Auswahl an Angeboten, deren Zahl und Funktionsvielfalt zudem ständig zunimmt, macht es möglich, Ressourcen und Services aus digitalen Plattformen in nahezu jede IT-Landschaft einzubetten. Damit lassen sich auf der einen Seite zum Beispiel spezialisierte Plattform-Dienste wie etwa für IoT, Blockchain oder KI aus der Cloud beziehen, während das ERP-System nach wie vor On-Premise betrieben wird. Gleichzeitig können neue Anwendungen auf einer PaaS-Plattform Cloud-native entwickelt und betrieben werden, Lösungen für einzelne Fachbereiche oder Aufgaben per SaaS genutzt und Marktplätze für das Procurement und die Integration von Kunden und Lieferanten eingebunden werden. In der Folge entstehen immer häufiger hybride IT-Landschaften, die die On-Premise-basierte „alte Welt“ mit der neuen Welt der Cloud-basierten digitalen Plattformen verbindet.

Digitale Technologien aus der Cloud-Plattform

„Das erlaubt Unternehmen, ihre vorhandene IT-Landschaft sehr einfach mit digitalen Technologien zu erweitern, ohne diese selbst entwickeln, installieren und betreiben zu müssen“, sagt Holger Seubert, Plattform-Architekt bei SAP und Autor des Buches „Die SAP Cloud Plattform“ (SAP Press, ISBN 978-3-8362-6320-7). Damit erhielten die Anwender einen einfachen und schnellen Zugang zu innovativen Technologien wie etwa IoT, Blockchain oder KI. Denn im Gegensatz zum Vorgehensmodell in traditionellen Umgebungen, wo von der Anschaffung, Installation, Konfiguration, Entwicklung und Inbetriebnahme eines neuen Systems nicht selten mehrere Monate, wenn nicht Jahre ins Land gingen, seien die Services digitaler Plattformen mehr oder weniger sofort einsetzbar.

„Der Markt erwartet heute, dass Unternehmen so schnell reagieren wie Start-ups, also sich in kürzester Frist auf Kunden- oder Marktanforderungen einstellen können“, sagt SAP-Experte Seubert. Zudem böten Cloud-basierte Plattformen die Möglichkeit, sehr einfach Testumgebungen einzurichten und mit den neuen Technologien zu experimentieren – ohne Wartezeiten für die Einrichtung neuer Systeme und ohne nennenswerte Investitionen in Hard- und Software. Dies eröffne gerade aus Entwicklersicht neue Perspektiven: „Dabei geht es ja um die Kernanforderungen der Digitalisierung: Wie kann ich digitale Technologien im Kontext des eigenen Unternehmens einsetzen und in neue Applikationen und Geschäftsmodelle umsetzen?“

Das Bitkom-Positionspapier zeigt auf, dass sich gerade im ERP-Bereich sowohl die Strategie der Plattform-Anbieter als auch der Funktionsumfang der angebotenen Lösungen und Services erheblich voneinander unterscheiden – in ihrer Gesamtheit aber die Flexibilität der Anwender erheblich verbessern. „In dem Maße, in dem Funktionen als Services oder Apps über die Cloud angeboten werden, erhalten Anwender die Freiheit, sich zusätzliche Fach- oder Branchenfunktionen über APIs zur bestehenden Unternehmenslösung zu ergänzen“, schreiben die Bitkom-Autoren.

Plattform-Ökonomie ist mehr als Online-Kollaboration

Aber gerade große ERP-Anbieter zielen oft darauf, auf ihrer Plattform ein möglichst umfassendes Angebot bereitzustellen – von klassischen ERP-Funktionen bis hin zu den neuen, digitalen Technologien. „Es gibt Plattformen, die bieten die Einzelkomponenten, um einen Motor zu bauen. Und es gibt die SAP Cloud Platform, die als ‚Business Platform’ einen kompletten Motor bereitstellt, dessen einzelne Teile zudem aufeinander abgestimmt sind“, sagt SAP-Produktexperte Seubert. Dennoch bliebe die Plattform offen und erlaube die Integration weiterer Komponenten von Drittanbietern.

Dabei geht das Potenzial digitaler Plattformen über das Zusammenspiel von Funktionen, Daten und Services hinaus. Denn bei entsprechender Offenheit und Integrationsfähigkeit der Plattform stellt sich ein weiterer Effekt ein, der gemeinhin als Plattform-Ökonomie bezeichnet wird: Wenn Anbieter, Kunden, Partner, Dienstleister und Lieferanten auf Basis der Plattform ein Ökosystem bilden, zu dem alle beitragen und eigene Apps, Services und Funktionsmodule anbieten können, entstehen daraus messbare Vorteile für alle Beteiligten.

Diese Auffassung vertreten auch die Experten der Unternehmensberatung McKinsey: „Im Zentrum digitaler Ökosysteme steht eine Plattform, über die verschiedenste Systeme und Leistungen integriert werden können“, schreiben sie in der Studie „The rise of ecosystems and platforms“. Ziel dieser Verbindungen sei es, „gemeinsam einen neuen und einzigartigen Mehrwert für die Teilnehmer zu generieren“. Nach Einschätzung der McKinsey-Autoren ein Konzept mit Zukunft: Sie prognostizieren, dass im Jahr 2025 rund 30 Prozent des globalen BIP auf Basis derartiger Ökosysteme erzeugt werden.